Von Reinhard Breuer

Der junge Doktor wolle wohl mit seiner Arbeit zeigen, „daß ein Stern, dessen Masse eine bestimmte Grenze übersteigt.. ., immer weiter strahlen und strahlen und kontrahieren und kontrahieren muß, bis er, so nehme ich an, nur mehr einige Kilometer groß ist, wo die Schwerkraft stark genug wird, die Strahlung zurückzuhalten und der Stern zu guter Letzt seinen Frieden findet“. So sprach der Nestor der britischen Astrophysik Sir Arthur Eddington im Januar 1935 vor den erlauchten Mitgliedern der „Royal Society“ in London. Und weiter: „Als ich mich mit dem jungen Mann darüber unterhielt, drängte sich mir der Schluß auf, dies sei eine reductio ad absurdum (Zurückführung eines Gedankens bei einer Absurdität) ... Ich denke, da muß es ein Naturgesetz geben, das verhindert, daß sich ein Stern so absurd verhält.“

Der 26jährige Mann, der so derb abgekanzelt wurde, hieß Subrahmanyan Chandrasekhar. „Hatte Eddington nach dem ersten Satz aufgehört“, meinte der gebürtige Inder 45 Jahre später, dann wäre er der erste Wissenschaftler gewesen, „der die Existenz ‚Schwarzer Löcher’ vorhergesagt hat.“ So aber, nach dem zweiten Satz, sah sich Chandrasekhar arg gekränkt. Seine Reputation war ramponiert, die er doch mit dem schon 1932 publizierten Ergebnis seiner Berechnungen erst erwerben wollte.

Trotz des Dämpfers markiert das Jahr 1932 den Beginn der unaufhaltsamen Karriere eines der großen Astrophysiker des 20. Jahrhunderts, ja eines der allerersten Naturforscher unserer Zeit.

Am Mittwoch letzter Woche wurde Chandrasekhar, in Fachkreisen auch kurz „Chandra“ genannt, mit einer Hälfte des diesjährigen Physik-Nobelpreises (Gesamtsumme etwa 495 000 Mark) für sein Lebenswerk geehrt. Wie bei dem mit ihm ausgezeichneten William A. Fowler (siehe nebenstehenden Bericht) dient Chandrasekhars Arbeit vor allem dem Verständnis der Sterne – vom Aufbau ganz „normaler“ Fixsterne wie der Sonne bis hin zu den stellaren „Extremisten“, den sogenannten Weißen Zwergen und Schwarzen Löchern.

Chandrasekhar erhielt den Nobelpreis an seinem 73. Geburtstag zugesprochen. Der Laureat wurde 1910 in Lahore geboren, damals in Britisch-Indien, heute in Pakistan gelegen. Sein Studium begann er im südindischen Madras und schloß es 1933 mit seiner Promotion im englischen Cambridge ab. 1953 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Seit vielen Jahrzehnten (und bis heute) lehrt der Astrophysik-Professor an der Universität von Chicago.

Die Leistung dieses Mannes – allein sein nach wie vor ungebrochenes Arbeitspensum kann nur mit „einschüchternd“ umschrieben werden – läßt mich beinahe ratlos werden. Bücher pflastern seinen Weg. Dabei handelt es sich um lauter schwergewichtige wissenschaftliche Monographien, die für Generationen von theoretischen Astrophysikern zum Werkzeug, zur „Bibel“ geworden sind. Und doch sind diese Bücher nur Akzente, regelmäßig gestreut zwischen die zahlreichen Wissenschaftsartikel zu zumeist fundamentalen Problemen.