Düsseldorf:„Der Maler Georg Melchior Kraus (1733 bis 1806)

Weimar als Seinszustand – Mythos nachfolgender Jahrhunderte. Wenn Goethe nach Tiefurt ritt, „so spät durch Nacht und Wind“ und dort „zur Tafel mit den beyden Herzoginnen“, folgte ihm Kraus, Stift und Radiernadel im Portefeuille. „Ansicht des römischen Hauses im Park“, Anno 1798, dahinter rauschte die Ilm. Winzigfigürchen vor gestochen scharfer Schloßgartenarchitektur; die Gesteinsschichtungen verlangte Goethe naturgetreu geologisch erkennbar. Tasso im weißen Justaucorps, die zwei Leonoren, sächselnden Mundes, ganz fließendes Directoire. Bringt ein Literaturmuseum Goethes titanisches Universum auf der Guckkastenbühne zur Anschauung, stellt sich nicht Erhellung, sondern bizarre Verfremdung ein. Sturmböen, Egmonts gepeitschte Schmerzaufwallungen, faustisches Seelenpandämonium fanden keinen Eingang in diese Kulissenlandschaft fast gläserner Zartheit des Georg Melchior Kraus, der Goethes Zeichenlehrer war und den später der Geniale („Dilettant am Künstler sich erhebend“) sich zum illustrierenden Reisebegleiter erkor. Er nahm ihn mit zur Belagerung von Mainz oder einfach „ins Gefängniß d. Mordbrenner zu sehen“, wie im Tagebuch notiert. „In Frankfurt geboren, in Paris gebildet“, und dort Watteau, Greuze, Boucher, diesen Anakreontikern der Malerei den Pinsel geneidet und dann lebenslang sein Hommage an den Geist des Rokoko entrichtend – nie gelang der Durchbruch zum Klassizismus. Immer nur lichtüberflutetes Genre und Fêtes galantes, zuweilen ins Souterrain, in die Schloßküche gerutscht. Den Porträtisten à la française, der die Melancholie eines Herzoginnengesichts mit Glanzlichtern auf dem Damastkleid erhellte, holten sich die deutschen Fürsten, deren Mal- und Zeichenschulen kulturfördernde Zellwucherung inmitten teutonischer Kleinstaaterei betrieben. Herzog Ernst August ernannte den „heiteren Lebemann, leichtes, erfreuliches Talent“ zum Direktor der Weimarer Akademie. Im fürstlichen Liebhabertheater führte der Geheimrat Regie, Kraus kostümierte die Akteure. Den Damen waren seine Haute-Couture-Gravüren im „Journal des Luxus und der Moden“ über zwei Jahrzehnte unentbehrlich. „Ein gut Kerlchen“ (Wieland), in glückhaften Momenten sich von der Pedanterie lossagend und auf Rötelskizzen eine bauschig geblähte Reifrockfalte, die Biegung eines warmen Halses festhaltend. Ansonsten: „reinliche Umrisse, massenhafte Tusche, angenehmes Colorit dem Auge freundlich empfohlen; dem inneren Sinn genügt eine gewisse naive Wahrheit.“ 117 Exponate, das meiste Bestandteil des Hauses, belegen das Goethewort. (Goethe-Museum bis 13. November, Katalog 24 Mark) Ursula Voß

Hamburg: „David Salle“

Neben Julian Schnabel, der mit lustvoller Heftigkeit gewaltige Prachtschinken aus Ölfarbe, Samt, Scherben, Hirschgeweihen, Glitzerzeug und anderen Materialien herstellt, ist David Salle der Name, der im Moment im Zusammenhang einer neuen amerikanischen Malerei am meisten genannt wird. Kein Wunder also, daß der rasche Ascan Crone, Hamburgs neuester und jüngster Galerist, bei seinem einjährigen Bestehen (seit der Eröffnung im November letzten Jahres hat er bereits Kirkeby, Albert Oehlen, Höckelmann, Adamski, Koberling, Büttner, Knöbel und Leroy gezeigt) diesen Künstler vorstellt. Man könnte David Salle (den die Münchener Galerie Schellmann und Klüser gleichzeitig zusammen mit Picabia ausstellt) das Gegenteil nennen von Julian Schnabel, denn seine Bilder sind glatt in jeder Beziehung (erst in zwei neuen Bildern verwendet er auch Fundstücke). Aber dann sieht man bei Schnabel und Salle auch wieder ganz offensichtliche Gemeinsamkeiten, die aus der Nation und aus der Generation kommen: eine solide (amerikanische) Handwerklichkeit und den unverhohlenen Eklektizismus. Dabei haben die Szenerien, die Salle in nebeneinandergesetzten Bildfeldern oder übereinandergelagerten Zeichnungen entwirft, meist einen Hauch von Hollywood, Vorstadttheater oder Illustriertenstory. Die erzählerischen und die stilistischen Elemente kommen von überall her, die Bedeutungsebenen überlagern sich, ein bißchen Sex ist fast überall dabei – aber natürlich ist Salle schlau genug, nichts zu einer Geschichte zu fügen, die Frage nach Zusammenhang und Absicht dadurch zu eliminieren, daß er die Verfügbarkeit der Stile nur allzu offen demonstriert. David Salle, dreißig Jahre alt, kommt von einer Kunsthochschule in Los Angeles, die von den Disneys gegründet wurde, in der man nicht nur bildende Kunst, sondern auch Film, Theater, Ballett und Musik studiert, und er hat, wie man so sagt, alles drauf, kennt die Effekte und die Vorbilder. Mehr als in den großen Bildern kommen diese Agilität und dieses Know-how allerdings in seinen kleineren Gouachen zu einer eigenen Form, die jenseits der Verfügbarkeit des Materials und der Schläue des Artisten auch eine eigene Intelligenz und Poesie zeigen. (Galerie Crone bis zum S.U., Katalogheft) Petra Kipphoff

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Bilder vom irdischen Glück“ (Schloß Charlottenburg bis 13. 11., Katalog 20 Mark)

Berlin: „Alex Colville“ (Staatliche Kunsthalle bis 14. 11., Katalog 30 Mark)