Der Graf werde schon wissen, was er zu tun habe – dieser Satz, der die Reaktion des Bundeswirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff auf die zu erwartende Erhebung der Anklage wegen angeblicher Vorteilsannahme beschreiben soll, ist tückisch. Denn mit der allenfalls für sehr naive Zuhörer unverfänglichen Formulierung geben maßgebliche Leute aus der Führung der CDU zu erkennen, was sie von Lambsdorff demnächst erwarten: den unverzüglichen Rücktritt. Gewiß, sie sagen es nicht so unverblümt wie Franz Josef Strauß, den es wieder einmal nach Bonn drängt, weil er sich ums „psychologische Gleichgewicht“ im Kabinett sorgt. Doch ihre Adressaten erreichen sie auch so: außer den journalistischen Beobachtern vor allem Lambsdorff selbst.

Ob Lambsdorff tun wird, was er, wie man meint, „zu tun habe“, ist ungewiß. Bis heute kann man annehmen, daß nicht einmal Bundeskanzler Helmut Kohl es weiß. Lebhafte Zweifel sind denn auch an der immer wieder auftauchenden Behausung berechtigt, es gebe bereits eine feste Vereinbarung zwischen Kohl und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher, wonach Lambsdorff gleich nach Erhebung der Anklage seinen Hut nehmen werde. Wenn überhaupt einer weiß, wie Lambsdorff selber sich zu verhalten wünscht, dann ist es Genscher, der neben dem Wirtschaftsminister die entscheidende Führungsfigur der Liberalen ist und in den vergangenen Jahren mehr und mehr auch Vertrauter des Grafen wurde.

Was ist dran an den Mutmaßungen über Pressionen, denen Lambsdorff in letzter Zeit immer mehr ausgesetzt gewesen sein soll? Richtig ist einerseits, daß die Union, auch der Kanzler-Flügel in der CDU, einen raschen Rücktritt des Ministers für den Fall befürwortet, daß in etwa drei Wochen Anklage gegen ihn erhoben wird. Anderseits aber stimmt es, daß die FDP Lambsdorff auch dann noch lieber im Amt sehen möchte. Die einen argumentieren mit „politischer Hygiene“, die es zu wahren gelte, die anderen mit der keineswegs rosigen Personalsituation der FDP – es gäbe (von Genscher einmal abgesehen) nach einem Weggang Lambsdorffs keinen bei den Liberalen, der so klare, einprägsame und innerhalb der Partei mehrheitsfähige Rezepte böte wie der Graf. Keinen, der es an Wortgewalt mit ihm aufnehmen könnte, und keinen, der ihm an programmatischer Standfestigkeit gleichkäme, die ihn schon lange vor dem Regierungswechsel in Bonn auszeichnete.

Dieses Pro und Contra belastet Lambsdorff zusätzlich. Denn er kann nicht nur für sich selber entscheiden. Der unverzügliche Rücktritt, den jemand zwangsläufig ins Auge fassen muß, der wegen der beständig erneuerten fortgesetzten öffentlichen Enthüllungen fast Woche für Woche unter Anklage steht und womöglich gar schon abgeurteilt wird, dessen persönliche Reputation von immer neuen Zweifeln beeinträchtigt wird und der, spürbar bis weit in den privaten Bereich hinein, unter dem Druck einer öffentlichen oder doch zumindest veröffentlichten Meinung leidet – dieser Rücktritt kann nicht mehr leichten Herzens eingereicht werden. Lambsdorff weiß das.

Wenn aber aus der Partei, derentwegen er soviele Skrupel empfindet, immer wieder Stimmen laut werden, denen man solche Skrupel und solche Solidarität nicht anmerkt, dann muß ihn das noch mehr verletzen. Zu diesen Stimmen zählt vor allem die des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Hans-Günther Hoppe, der sich ein ums andere Mal als Nachfolger des amtierenden Wirtschaftsministers empfiehlt – sich dadurch indes wohl aller Chancen begebend, je Bundeswirtschaftsminister werden zu können.

In der ganz und gar unerfreulichen Lage, in der er selber und seine Partei sich befinden, mag sich Lambsdorff wehmütig eines Angebots zum Ausstieg aus der Politik entsinnen, das er im vergangenen Jahr ausgeschlagen hat: Er hätte Vorstandssprecher der in Frankfurt ansässigen Metallgesellschaft werden können, eines der renommiertesten Unternehmen der Metallindustrie und des Maschinenbaus. Türen wie diese stehen ihm auch heute noch offen. Doch Lambsdorff wird, so scheint es, noch eine ganze Weile in Bonn bleiben. Ob und wielange er dabei noch Minister sein wird, weiß mit einiger Sicherheit nur er. Jedenfalls aber wird er als Politiker weiterkämpfen müssen – und das will er wohl auch, wie seine jüngsten Gegenangriffe gegen die Bonner Staatsanwaltschaft unschwer erraten lassen. Dieter Piel