Daß 83 minus 33 fünfzig ergibt, haben wir heuer nachdrücklich erfahren. Nächstes Jahr wird 84 sein, dann ist Orwell, heuer war Machtergreifung. Nächstes Jahr werden wir noch ausführlicher in die düstere Zukunft blicken, heuer blickten wir in die düstere Vergangenheit: Jahrestage. Nach all den Debatten und Dokumentationen, Feuchtwangers „Geschwister Oppermann“ als Zweiteiler für das Fernsehen und Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ als Streitfall im Theater, könnte man Andrzej Wajda mit seinem neuen Film „Eine Liebe in Deutschland“ für einen Nachzügler halten: noch ein Beiträger zum makabren Jubiläum?

Am Ende des Films wird ein Landsmann Wajdas, der Pole Stanislaw Zasada, von einem nationalsozialischen Militärkommando gehenkt. Während des Transports denkt er über seine letzten Worte nach: „Ich sage: Es lebe Polen.“ Der polnische Schauspieler Piotr Lysak sagt es in seiner Sprache, deutsch untertitelt. Die Militärs hatten einen anderen polnischen Gefangenen zu seinem Henker bestimmt. Aber dieser verliert früher das Bewußtsein als Zasada. Die Soldaten müssen selber Henker werden. Zwei Polen fügen sich weder den sinnlosen Gesetzen ihrer Besatzer, noch kann man sie zum Verrat zwingen. Eine Liebe in Polen, die man auch Solidarität nennen könnte, polnisch untertitelt: Solidarnosc.

Die Geschichte von Stahl, dem jungen Kriegsgefangenen, und Pauline, die in den dreißiger Jahren in einem Schwarzwalddorf nahe der Schweiz einen Gemüseladen hätte, ist seit fünf Jahren bekannt. Damals erschien Rolf Hochhuths Roman „Eine Liebe in Deutschland“. Der Vorabdruck einer Passage hatte den Sturz Filbingers bewirkt. Aber der politische Triumph machte das Buch nicht schöner, vor allem nutzte er der Liebesgeschichte wenig. Schon wie sie im dritten Kapitel begann, war schaurig. Hochhuth zitierte ein Dichterwort: „Hast ein Reh du lieb vor andern, laß es nicht alleine grasen.“ Dann kam es zu Zärtlichkeiten: „Und wieder waren seine schweren, heißen Hände auf ihren Hüften. Sie stieß hervor, während sie jedoch den Kopf senkte, seinen wühlenden, Kuß im Genick: „Ich hab’ so Angst um dich.‘“

Der literarische Horizont dieser Liebesgeschichte blieb der Kolportageroman. Wichtiger als Stani und Pauline, die am Ende als „Polen-Liebchen“ ins Arbeitslager kommt, sind für Hochhuth die Fakten. Die Darstellung der politischen Willkür übertrifft um Längen die Liebesgeschichte.

Das ist auch in Wajdas Film so. Das hat der Film mit dem Roman gemeinsam: die mangelnde Zärtlichkeit der Aufklärer.

Ständig lauert die Kamera hinter Gardinen und Fenstern oder postiert sich davor, schaut durch Schlüssellöcher, tastet sich an Gitterstäben entlang oder filmt Pauline durch die Speichen ihres Fahrrads. Man sieht durch Türschlitze, hört Schlüssel klappern und Rolladen herunterrasseln. Es geht um Totalitarismus, also um eine Gesellschaft bei geschlossenen Türen (und Fenstern). Peinlich genau achtet Wajda auf Symbole, die diesen Zustand einfangen.

Der Vertreter des Militärs, ein Untersturmführer, den der hervorragende Armin Müller-Stahl spielt, wird so zum Star des Films, zu der am besten erklärten Figur. Typischerweise ist dieser Soldat einer, der meistens (und leider nur manchmal vergebens) darum kämpft, alle persönlichen Regungen auszuschalten. Eine Figur, bei der es um (nationalsozialistisehe) Haltung geht. Ein Gegner, also ein Fall für Hochhuth. Das ist kein Lob: Wajda hat Hochhuth kongenial verfilmt.