Hohe Zeit für das Museum – Nach Bottrop, Mannheim und Bochum eröffnet Essen seinen Neubau

Von Manfred Sack

Eine erstaunliche Nachricht: daß jeder zweite Bürger der Bundesrepublik wenigstens einmal im Jahr ins Museum geht. Schon vor fünf Jahren zählten die Statistiker 34 Millionen Besucher. "Das sind", liest man im "Dortmunder Architekturheft No. 14", "stolze Zahlen, vor denen selbst die publikumsträchtigsten Freizeitfüller wie Fußball-Stadien (18 Millionen) und Theater (20 Millionen) verblassen". Nicht genug: "Weder die Parteien noch die Gewerkschaften noch die Schulen und Hochschulen können eine solch hohe Klientel nachweisen." Vor manchen Museen bildeten sich, liest man, "an ‚heißen‘ Wochenenden Besucherschlangen, und die Klimaanlagen brechen zusammen". Das imaginäre Getöse, das dabei entsteht, ermuntert offenbar niemanden mehr als die Museumsdirektoren, nach mehr Platz zu verlangen, nach mehr Personal und mehr Geld.

Wunderbarerweise hielten sich die Kommunalpolitiker vieler Städte nicht die Ohren zu, sondern hörten neugierig zu. Denn alles, womit sie Glanz auf sich zu ziehen vermochten, war ja gebaut, die Schulen und die Universitäten, die Rathäuser, vor allem die Theater, und die Freizeitbäder auch. So bleiben ihnen die Museen, mit denen sich der Kultur wie dem Ansehen ein Dienst erweisen läßt – und mit denen sie von den "Betonklötzen" und den "Wohnsilos" ablenken können.

Nicht zuletzt die Architekten applaudierten ihnen dabei begeistert. Seitdem auch alle Kirchen gebaut sind und damit ihre größte Spielwiese verödet ist, bleibt ihnen für ehrgeizige Kunststücke scheinbar nicht viel Terrain. Für sie, sagt der Architekt Josef Paul Kleihues, böten Museen nun "so etwas wie einen letzten Freiraum für die Übung des Entwerfens mit ‚künstlerischen‘ Ambitionen". Es handele sich dabei um eine der ganz wenigen Aufgaben, "für die bisher glücklicherweise keine speziellen Richtlinien, Bauvorschriften oder Normvorstellungen entwickelt worden" seien: Jede dieser Aufgaben stellt sich real oder vermeintlich als neue, unbescholtene Herausforderung dar." Was wunder, meint er, daß sich an einem landauf, landab plakatierten Bundeswettbewerb um "flexible Wohnungsgrundrisse" eben fünfzig, am Wettbewerb um das Sprengel-Museum in Hannover hingegen fast zweihundert Architekten beteiligt hatten.

Es gibt gut achtzehnhundert Museen jeder Art bei uns. Während 1979 bei den Dortmunder Architekturtagen darüber diskutiert wurde, waren allein im Rheinland fast dreißig neue Museen im Bau und zwanzig schon projektiert, in Frankfurt am Main sind es jetzt allein sechs oder sieben. Kaum ein Bundesland, kaum eine Stadt, die sich diesem Kultur-Boom entzöge. Allein in diesen Wochen sind wir um vier neue Gebäude reicher geworden. Nach dem Quadrat in Bottrop, der Kunsthalle in Mannheim und dem Museum Bochum (letztes Wochenende) lädt Essen gegen Ende dieser Woche zur Eröffnung des erweiterten Museums Folkwang ein.

Zwar handelt es sich in allen vier Städten, um Erweiterungen, wenn es auch meist zu glauben schwer fällt: In Bottrop stellt der Anbau thematisch ein eigenes Museum dar; in Bochum wirkt die alte Doppelvilla, in der alles begann, nun wie der eigentliche Annex; in Mannheim hat die alte Kunsthalle ein stattliches Pendant erhalten; in Essen zieht die Anfügung die Aufmerksamkeit so sehr auf sich, daß man den einfachen, klaren Altbau beinahe übersieht.