Berchtesgaden

Der rührige Kurdirektor Michael Dyckerhoff hat längst alles in den schönsten Farben ausgemalt: Wenn am 29. Januar 1992 um Punkt 14 Uhr die Olympischen Winterspiele in Berchtesgaden eröffnet werden, sollen Bergknappen und „Goaßlschnalzer“ für bodenständiges Kolorit sorgen, und eine Laserkanone wird – zur staunenden Freude der Jugend aus aller Welt – die fünf Ringe an die Watzmann-Wand werfen.

Von dieser Zukunftsvision hat sich das Präsidium des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) beeindrucken lassen. Als das Gremium der 21 am vergangenen Mittwoch Berchtesgaden den Vorzug vor dem Mitbewerber Garmisch-Partenkirchen gab, war für Michael Dyckerhoff und sein Team ein wichtiges Tor im Bewerber-Slalom genommen. Zwar versuchte der NOK-Präsident Willi Daume noch einmal, dem Beschluß den Euch der Bevormundung zu nehmen: „Die Entscheidung ist noch völlig offen. Wir müssen davon ausgehen, daß beide Bewerbungen hochrangig sind.“ Doch sollte sich das NOK-Plenum am 5. November in Saarbrücken der Empfehlung nicht anschließen, wäre die Überraschung perfekt.

Selbst der Garmischer Bürgermeister Toni Neidlinger hat die Nachricht als Quasi-Aus für seine Gemeinde akzeptiert. Noch zwei Tage zuvor hatte er tapfer verkündet: „Vom sportlichen her stehen die Chancen 50:50 für uns.“

Der Schnee von gestern ist in seiner Gemeinde, „Deutschlands führendem Wintersportort“ (Eigenwerbung), unvergessen, das Wort Olympia, hat seinen magischen Klang nicht verloren. Im Treppenhaus des Rathauses: Bilder der Medaillengewinner Lisa Resch und Käthe Grasegger, die in weiten Pluderhosen auf Holzskiern talwärts jagen. Daneben nehmen die Eiskunstläufer Maxi Herber und Ernst Baier selig lächelnd eine Kurve im Walzertakt

„Wir leben hier“, so Neidlinger, „immer noch vom Ruhm der Spiele von 1936.“ Wie lange noch? Bereits 1979 faßte der Garmischer Gemeinderat mit bequemer CSU-Mehrheit den Beschluß, das Rezept Olympia wieder aufzuwärmen. Zu drängend waren mittlerweile die Probleme des Kurortes unter der Zugspitze geworden. Wenn sich an Wochenenden der Durchgangsverkehr in Richtung Österreich und Schweiz mit den Ausflügler- und Urlauberschlangen zum großen Chaos addieren, lassen Lärm und Abgaswerte vom Heilklima nichts Nennenswertes mehr übrig.

Zudem muß Garmisch dafür büßen, daß es zur bevorzugten Retirade für wohlhabende Ruheständler aus dem Norden wurde: Die Altersstruktur steht auf dem Kopf, die Preise auf dem Immobilienmarkt machen der Zugspitze Konkurrenz (Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen: 7000 Mark). Junge Familien meiden das Pensionärspflaster, Personalengpässe im Dienstleistungsbereich sind die Folge.

Alles, alles sollte Olympia lösen: Zwei als Tunnelstrecken durch den Wank und den Kramer führende Umgehungsstraßen (Kosten: 250 Millionen Mark) würden nach Neidlingers Vorstellungen 60 Prozent des Verkehrs aus dem Ort abziehen. Für dieses schöne Ziel waren sogar einige Natur- und Umweltschützer bereit, die „Kröte Olympia“ zu schlucken. Bislang hatten das Verkehrsministerium und der Freistaat Bayern zwar die Dringlichkeit des Projekts anerkannt, die Gelder jedoch zurückgehalten. So hatte Neidlinger denn, wenn auch drei Jahre später als seine Kollegen im „Ländl“, sauber und korrekt den NOK-Fragebogen zur Bewerbung einschließlich Standort-, Verkehrs- und Kapazitätsberechnungen ausgefüllt und vervielfältigt. Frage Nummer 5 („Erkenntnisse über mögliche Störungen der Olympischen Spiele oder ihrer Vorbereitung durch ethnische, politische oder andere Gruppen“) hatte er knapp und wohlgemut mit „Keine“ beantwortet.

Doch die Erkenntnis sollte noch über ihn kommen. Weil der Gemeindevorsteher nach Ansicht der SPD-Fraktion und ihres Vorsitzenden Kaspar Maurer die Angelegenheit Olympia dazu augenfällig zu einem „Alleingalopp“ am Gemeinderat vorbei umfunktionierte und entschied, wo nur beraten werden sollte, legten sie eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Schließlich hatte Neidlinger auch die Herren vom NOK durchaus allein empfangen wollen und in letzter Minute lästige Aufpasser ausgeladen.

Kaspar Maurer, der das Wort von der Dienstaufsichtsbeschwerde inzwischen nur noch wie eine heiße Kartoffel in den Mund nimmt, versucht eine Erklärung: „Wir wollten lediglich prüfen lassen, ob es eine rechtliche Grundlage für ein solches Verhalten gibt.“ Doch der Bürgermeister, tief gekränkt vom Mißtrauensvotum, dem ersten im Landkreis seit vier Jahrzehnten, spricht vom „Messer in den Rücken.“

Immerhin:, Sein Parteifreund, der zuständige Regierungspräsident Raimund Eberle, ließ ihn nicht verkommen. Den Garmischer Sozialdemokraten beschied er, daß Neidlinger keinesfalls vom Pfad demokratischer Tugend abgewichen sei. Und überdies sei ja auch noch gar nichts entschieden: „Durch die bisherigen Maßnahmen... trat noch keine Bindung für Garmisch-Partenkirchen gegenüber dem NOK ein.“ Eine Bewerbung nur probehalber?

Der Garmischer Bürgermeister jedenfalls ist der Überzeugung, daß diese Auseinandersetzung einen rapiden Chancenverfall verursachte. Denn politische Querelen fürchten Olympia-Veranstalter seit dem Debakel von Denver, wo Bürgerinitiativen zwei Jahre vor den Spielen eine Absage erzwangen, mehr als Tauwetter und grüne Pisten. „In Berchtesgaden war man politisch geschickter“, klagt der zurückgewiesene Bewerber.

Geschickt operierte vor allem auch der PR-Apparat der Berchtesgadener. Schon während der Winterspiele in Lake Placid 1980 hatte es eine Delegation verstanden, den Namen Berchtesgaden Sportfunktionären, Journalisten und Aktiven sanft in Hirn und Seele zu massieren und sich mit Enzianschnaps und Schnupftabak wärmstens als Austragungsort der Zukunft zu empfehlen. Den Daheimgebliebenen allerdings erschien der Aufwand, der in Lake Placid getrieben wurde (angeblich 100 000 Mark), unverhältnismäßig hoch. Ihr zorniges „Jetzt langt’s amal!“ führte zum Eklat im Gemeinderat.

Gleichwohl verstand Michael Dyckerhoff, die Koalition der Bewerber (zusammen mit Berchtesgaden arbeiten die Nachbargemeinden Inzell, Reit im Winkl, Bad Reichenhall, Ruhpolding und Siegsdorf) zusammenzuhalten und den Eindruck zu erwecken, als ob – Bewerbung hin, Konkurrenz her – die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren liefen. Da schrieb die Kurverwaltung fortan nur noch auf Briefbögen, die die Hoffnungen in olympischen Farben schillernd verbreiteten. Da erschien bereits 1980 eine Hochglanz-Broschüre, deren Farbbilder jedem Skiläufer in die Beine gingen.

Und das Schönste: Eigentlich könnten die „Spiele der Vernunft“ schon morgen beginnen, denn die meisten Sportstätten sind bereits vorhanden. Gebaut werden müsse lediglich eine Eiskunstlaufhalle in Bad Reichenhall.

Selbst das Olympische Dorf gibt es schon: ein leerstehendes Hotel in Siegsdorf, das als Abschreibungsruine der Erweckung entgegendämmert.

Am olympischen Feuer wärmt sich in Berchtesgaden vor allem die Hoffnung, den Ort endlich auch in der Wintersaison attraktiv zu machen. Denn wenn von Oktober an der Touristenmagnet Königssee (800 000 Besucher jährlich) still und starr liegt, bleiben zumeist auch die Betten leer: 80 Prozent der 2,6 Millionen Übernachtungen werden in den Sommermonaten gebucht.

An Anstrengungen, das Winterloch mit Renommee und Rendite zu füllen, hat es bislang nicht gefehlt. Vor elf Jahren wurde der Jenner mit der Planierraupe zur „Ski-Autobahn“ umgebaut und mit Seilschwebebahn und Schleppliften zwecks bequemer Bezwingung bestückt. Freilich – für Olympia reicht die Piste noch nicht aus. Irgendwo versteckt in den Bewerbungsunterlagen findet sich das Eingeständnis, daß da noch ein bißchen verbreitert, ein bißchen abgeholzt werden muß.

Natur- und Landschaftsschützer sind längst hellhörig: geworden und glauben nicht an die „Spiele der Vernunft“. Klaus Gerosa, der Vorsitzende der „Schutzgemeinschaft Alpen“, der auch zum Vorstand der neu formierten Initiative „Bürger gegen Olympiade“ gehört: „Bei den Versprechungen der Planer handelt es sich um Zweckoptimismus. Hauptsache sie haben den Auftrag, damit sie dann hinterher vom Sachzwang sprechen können.“

Wie diese Sachzwänge aussehen könnten, ahnt auch der Bund Naturschutz, der sich vor allem um den vor fünf Jahren eingerichteten Nationalpark Berchtesgaden Sorgen macht: Nach zwei oder drei schneearmen Wintern werde das Interesse an „schneesicheren Rennstrecken“ auch vor dem Schutzgebiet nicht haltmachen.

Der Lehrer Peter Karger, einziger Abgeordneter der Grünen im Gemeinderat, zitiert oft und gern eine Studie des Schweizer Soziologen Max Brönnimann, der die touristische Bedeutung von Wintersport-Veranstaltungen untersucht hat und zu dem Ergebnis gekommen ist: „Auch diese vermögen keine längerfristigen Nachfrage-Effekte auszulösen.“ Im Gegenteil, fürchtet Karger: „Die Stammgäste könnte der Rummel auf Dauer vertreiben“ Ihm schwebt statt dessen ein „sanfter Tourismus“ vor, der auf die ökologischen Besonderheiten und Gefährdungen der Region Rücksicht nimmt. Doch das Sanfte hat im rauhen Klima einen schweren Stand.

Aber noch ist ja, wie auch Willi Daume sagt, „alles offen“: Über den Austragungsort entscheidet das Internationale Olympische Komitee endgültig erst 1986, und Berchtesgaden hat in Alma Ata, Falun, Lillehammer und Cortina d’Ampezzo noch schwere Gegner in olympischen Ringen.

Bis dahin, so meint Klaus Gerosa, kann buchstäblich alles ganz anders aussehen: Schon jetzt ist beinahe die Hälfte des Waldes, auch in den Alpenregionen, erkrankt. Brechen die Bäume zusammen, dann platzt auch Olympia: An ungeschützten, lawinengefährdeten Hängen ist an Abfahrtslauf nicht mehr zu denken.

Anna v. Münchhausen