Von Christoph Bertram

Nach dem militärischen Handstreichverfahren wie in dem Eilandstaat Grenada lassen sich die wenigsten Sicherheitsprobleme lösen. Gerade das Massaker in Beirut hat gezeigt, wie wenig militärische Macht als Ersatz für politische Lösungen herhalten kann.

Denn Friedenstruppen stehen meist dort, wo das Bemühen der Staatsmänner um Frieden gescheitert ist. Das gilt zumal für die lange Kette politischer Lösungsruinen im Nahen Osten – von Zypern über Israel bis Libanon. Wo die politischen Antworten ausbleiben, werden junge Männer an die Krisenherde entsandt, um die Streithähne auseinanderzuhalten und Zeit zu gewinnen für staatsmännische Einsicht. Sie sollen Ruhe stiften, nicht kämpfen.

Dies war auch der ursprüngliche Auftrag der Multinationalen Friedenstruppe, die seit September 1982 in der libanesischen Hauptstadt steht – insgesamt 5700 Mann, davon zweitausend Franzosen, zweitausend Italiener, hundert Engländer und sechzehnhundert Amerikaner.

Am vorigen Sonntag rasten zwei Kamikaze-Lastwagen, vollgepackt mit Dynamit, durch die Absperrungen des französischen und amerikanischen Hauptquartiers. Fast dreihundert Amerikaner und Franzosen fanden den Tod. Wieder einmal ist im Libanon eine neue Lage herbeigebombt worden. Sie bestätigt nur die hoffnungslos verfahrene Situation. Der Libanon ist ein Land ohne Halt, ohne staatliche Autorität, zerfallen in verfeindete, bis an die Zähne bewaffnete und von außen unterstützte religiöse und ethnische Gruppen. Die Soldaten der Friedenstruppe saßen von Anfang an auf einem Pulverfaß. Jetzt ist es explodiert.

Zunächst hat die politische Druckwelle der Explosion die Soldaten der drei Nationen noch fester in ihre prekäre Stellung gedrückt. Vor über einem Jahr waren sie auf Drängen der Beiruter Regierung ins Land gekommen, um neue Gemetzel zu verhindern und nach dem Rückzug der israelischen Besatzer und der Vertreibung der PLO die Chance einer politischen Lösung offenzuhalten. Aber sie wurden tiefer und tiefer in den Kampf um Beirut verwickelt. Wo sie anfangs nur Selbstverteidigung üben sollten, haben sie, besonders seit dem jüngsten Ausbruch des Bürgerkrieges im September, immer mehr die auf die Hauptstadt zurückgedrängte Regierung Gemayel schützen müssen.

Unter dem Eindruck des Bombenattentats haben der amerikanische und der französische Präsident den Verbleib der Friedenstruppen im Libanon bekräftigt, zugleich jedoch deren Auftrag nun noch vager formuliert. "Frankreich", so Mitterrand, "verteidigt im Libanon seine Grundsätze von nationaler Unabhängigkeit und dem Gleichgewicht der Kräfte in der Welt." Und für Ronald Reagan, der ohnehin die Weltpolitik am liebsten als gigantischen Kampf zwischen Kommunismus und Demokratie begreift, ist der Libanon zu einem "vitalen Interesse" geworden.