Jürgen Eick: „Als noch Milch & Honig flossen – Erinnerungen an die Marktwirtschaft“, Deutsche Verlagsanstalt 1982, 318 Seiten, 36 DM.

Wenn Milch & Honig fließen“, hieß ein Buch, das Jürgen Eick Ende der fünfziger Jahre schrieb. Seine jüngste Publikation ist unter einem sehr ähnlichen Titel erschienen – und dennoch ist der kleine Unterschied auch in diesem Fall von großer Bedeutung: „Als noch Milch & Honig flossen“ steht diesmal auf dem Buchdeckel. Für den Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen sind die hier gesammelten Aufsätze aus mehr als drei Jahrzehnten zudem eine „Erinnerung an die Marktwirtschaft“, wie es der Untertitel ausdrückt. Wenn ein so intensiver, und kenntnisreicher Beobachter wie Eick ein Vierteljahrhundert nach dem Erscheinen des zuerst genannten Buches zu einer so wehmütigen Umformulierung greift, dann muß allein der Blick auf den Buchumschlag zum Nachdenken anregen.

Das gilt dann erst recht für denjenigen, der das Buch aufschlägt. Journalismus ist Zeitgeschichte in losen Blättern“, schreibt Jürgen Eick zu Beginn und mahnt: „Wer nur die Gegenwart kennt, hat Mühe, sie zu begreifen.“ Das gilt heute noch mehr denn je, denn noch nie in der Geschichte der Menschheit haben sich die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen so grundlegend und rasch verändert wie in den vier Jahrzehnten nach dem politischen, militärischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch des Deutschen Reiches – jedenfalls noch nie so rasch zum Besseren gewendet. Die Wirtschaftsgeschichte ist reich an Katastrophen, aber arm an sogenannten Wundern. Daß die Wohlstandsexplosion im dritten Viertel unseres Jahrhunderts in Wirklichkeit kein unerklärliches Mirakel, sonders das Ergebnis einer – oft nur gegen große Widerstände durchzusetzenden – marktwirtschaftlichen Politik war, führt Eicks Zeitgeschichte in losen Blättern noch einmal sehr anschaulich vor Augen.

„Noch zu keiner Zeit ist wohl soviel in die private Sphäre des einzelnen hinein befohlen worden wie in der Gegenwart“, heißt es in einem Bericht aus dem August 1946. „Der Staat bestimmt, wieviel Scheiben Brot man täglich verzehren darf, ob man ein Paar Schuhe kaufen kann. Er reguliert Art und Reihenfolge der Reparatur von Häusern – er ordnet an, mit wieviel Menschen man seine Wohnung teilen muß.“ Wenige Wochen später heißt es in einem anderen Bericht: „Tag für Tag fragen die Hausfrauen in den Städten vergeblich nach Kartoffeln. Die Bevölkerung ist über die mangelnde Anlieferung besorgt, und die ersten kalten Nächte haben die Sorgen verstärkt. Schuld am Dilemma sind nicht zuletzt die Autoreifen. Die dauernde völlig unzureichende Versorgung mit Reifen und Schläuchen hat den Kraftwagenverkehr auf den Straßen gelähmt.“ Ein Artikel aus dem Jahr 1947 schildert, wie „die Schlangen vor den Bäckerläden ins Ungemessene wuchsen und wie dankbar die Bevölkerung schließlich für Maisbrot war, obwohl es „hart und schwer wie ein Ziegelstein“ war.

Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft änderte sich die Situation fast über Nacht. Aber schon damals glaubte Eick immer wieder, „am Grab der freien Wirtschaft“ zu stehen. Denn damals wie heute profitierten Verbraucher, Arbeitnehmer und Unternehmer zwar gern von den Segnungen der Marktwirtschaft, empfanden den Wettbewerb aber sofort als unbequem, wenn sie nicht zu den Gewinnern zählten.

Gegen diese Schönwetter-Marktwirtschaftler kämpfte Eick schon 1949. Er hat sich dabei auch nicht gescheut, wortgewaltig gegen den damaligen Unternehmer-Präsidenten Fritz Berg zu Felde zu ziehen, der geradezu als ein Prototyp jener Industrievertreter gelten darf, die die Marktwirtschaft am Sonntag in schönen Reden loben und unter der Woche die Politiker zu allerlei Eingriffen und Subventionen zu überreden versuchen. Eick hat 1949 schon vor einer landwirtschaftlichen Lobby gewarnt, die „irgendwelche errechnete, staatliche garantierte Preise, unter keinen Umständen jedenfalls Marktpreise“ haben will. Solche Warnungen sind damals wie heute überhört worden.

Eicks Zeitgeschichte erinnert nicht nur an diese Anfänge und den permanenten Kampf gegen die Gegner der marktwirtschaftlichen Ordnung – ob sie nun an der Wirtschaft selber oder von links oder rechts kommen –, sondern auch an die scheinbar unvorstellbar weit zurückliegenden Zeiten, in denen ein Dollar über viele Jahre hinweg 4,20 DM kostete und selbst minimale Änderungen an diesem Kurs Warnungen vor dem drohenden Untergang der deutschen Wirtschaft auslösen. Seine Zeitgeschichte läßt aber auch die Zeiten wieder lebendig werden, als der „katastrophale Arbeitskräftemangel in unserem Lande“ aus damaliger Sicht die Fundamente unserer Wirtschaft zu zerstören drohte (1966), und sie reicht bis in die Zeit hinein, in der Firmen trotz über einer Million Arbeitsloser nicht die Mitarbeiter bekommen können, die sie eigentlich brauchen (1981).