Hamburg

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Welthafenstadt eine ihr durch Geschichte und Lage zugewiesene, besondere Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke zu erfüllen. Sie will im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein.“ So steht es in der Verfassung der Hansestadt vom Juni 1952. Der Familie des Seemanns Emilio Alviola klingt dieser Satz heute wie Hohn. Sie soll Hamburg wieder verlassen und in ihre Heimat, auf die Philippinen zurückkehren. Obwohl sie dort alle Brücken hinter sich abgebrochen hat. Obwohl es dort unmöglich ist, den Vater wenigstens einige Male im Jahr zu sehen. Obwohl die Kinder, ein 13jähriges Mädchen und ein 12jähriger Junge, seit zwei Jahren hier zur Schule gehen, gut Deutsch sprechen und sich bestens eingelebt haben.

Emilio Alviola ist von Beruf Schiffsingenieur. 1971 werben Vertreter einer Lübecker Reederei auf den Philippinen Arbeitskräfte an; Alviola geht nach Deutschland und fährt jahrelang unter bundesdeutscher Flagge zur See. Als sein Schiff die Philippinen anläuft, will er seine Frau und die beiden Kinder besuchen, aber die Behörden dort haben ihm inzwischen sein philippinisches Seemannsbuch aberkannt, ohne das er sein Land nicht wieder verlassen kann. Nur unter großen Schwierigkeiten gelingt es seiner Frau, ihn an Bord zu besuchen. Der Kapitän sagt, sie könne doch mit ihren Kindern nach Deutschland ziehen.

Freunde und ein deutscher Rechtsanwalt bestätigen, daß bis dahin die Ausländerbehörde Hamburg in der Regel großzügig entschieden hat: Familienangehörige von philippinischen Seeleuten, die auf einem deutschen Schiff fahren, dürfen ebenfalls in die Bundesrepublik einreisen. 1977 wird Alviola, der inzwischen ein Jahr lang für eine Hamburger Reederei gearbeitet hat, gekündigt. Drei Jahre dauert der Prozeß vor dem Arbeitsgericht; die Kündigung wird für nichtig erklärt^ Alviola wieder eingestellt.

Susan Alviola und die beiden Kinder kommen Ende 1981 mit einem Touristenvisum in die Bundesrepublik. Frau Alviola stellt einen Antrag auf Aufenthaltserlaubnis. Doch die Ausländerbehörde verhält sich entgegen aller Erwartungen nicht mehr großzügig. Mit der Begründung, auch der Vater habe nie eine Aufenthaltsgenehmigung besessen, lehnt sie ein paar Monate später den Antrag ab. Nun brauchte der Seemann aber als Inhaber eines deutschen Seefahrtsbuches gar keine Aufenthaltserlaubnis, um auf deutschen Schiffen arbeiten zu dürfen.

In einem Schreiben der Ausländerbehörde heißt es: „Die Bundesrepublik Deutschland weist bereits jetzt eine hohe Bevölkerungsdichte auf, so daß es im besonderen öffentlichen Interesse liegt, wenn bei der Genehmigung des Aufenthalts weiterer Ausländer größte Zurückhaltung geübt wird.“ Familie Alviola wird aufgefordert, innerhalb eines Monats die Bundesrepublik zu verlassen. Das war im Mai letzten Jahres.

Der Hamburger Rechtsanwalt Rolf Geffken, der die Familie vor Gericht vertritt, legt Rechtsmittel ein, aber dem Antrag auf einstweilige Verfügung wird nicht stattgegeben. Freunde gründen ein „Komitee zur Rettung der Seemannsfamilie“ und wenden sich mit Hilfe des Rechtsanwalts an den Petitionsauschuß der Bürgerschaft. Eindringlich schildern sie die Notlage der Familie. Susan Alviola leidet zunehmend unter der psychischen Belastung. Sie ißt kaum noch, magert ab, schläft wenig, klagt über Angstgefühle und Depressionen. Die Schule, die Clarrizze und Alvin besuchen, unterstützt die Bittschrift: „Für die weitere – durchweg positive – Entwicklung der Kinder wäre ein Abschulen aus pädagogischer Sicht folgenschwer.“ Das Komitee sammelt Hunderte von Unterschriften und bittet Bürgermeister Klaus von Dohnanyi um Hilfe.