Hamburg im Tanzfieber. Seit zwei Wochen stehen die Leute Schlange, zahlen Schwarzmarktpreise für Eintrittskarten und versammeln sich, Abend für Abend, zu Tausenden im Operettenhaus an der Reeperbahn oder in sämtlichen Hallen des Malersaals in der Kampnagelfabrik in Barmbek, um Tanztheater-Gruppen zu sehen, die sich hier noch nie vorstellen konnten. Und so wird es noch bis zum Wochenende gehen. Erst dann sind die "Tanztheaterwochen" im Deutschen Schauspielhaus zu Ende.

Niels-Peter Rudolph, der Intendant des Deutschen Schauspielhauses, und seine Dramaturgen dürfen sich schon jetzt für ihren glänzenden Einfall vom Zulauf des Publikums belohnt sehen. Seit Jahren wollen sie den Hamburgern zeigen, was in einigen von Hamburg aus gern als "Provinz" belächelten Städten wie Wuppertal, Essen, Bremen als "Tanztheater" internationales Ansehen erworben hat. Jetzt haben sich die Reisepläne von Pina Bauschs "Wuppertaler Tanztheater", die Terminkalender von Reinhild Hoffmanns "Bremer Tanztheater im Concordia" und Susanne Linkes "Folkwang Tanzstudio" mit dem Spielplan des Hamburger Schauspielhauses so einrichten lassen, daß drei "Tanztheaterwochen" herausgekommen sind.

Rasch haben die einfallsreichen Veranstalter das Programm erweitert um Vorstellungen der (von Pina Bausch kommenden) "Company Vivienne Newport", der "Laokoon Dance Group" mit der Engländerin Rosamund Gilmore, der "Tanzfabrik e. V. Berlin" mit Choreographien von Heidrun Vielhauer und Jacalyn Charley und des "Theaters am Turm Frankfurt

Was in München, was in Berlin als "Festival" angepriesen – und wohl verkauft – worden wäre, läuft in Hamburg, fast ohne Werbung, unter dem Arbeits- und Informations-Titel "Tanztheaterwochen". Die aber haben den Zuspruch einer ganzen Stadt.

Solcher Enthusiasmus ist Verdienst – und "Schuld" – des Ballett-Direktors und Chef-Choreographen der Staatsoper. John Neumeier ist es (wie vor zwanzig Jahren John Cranko in Stuttgart) geglückt, eine nicht gerade musenfreundliche Staat für Tanz zu begeistern. Neumeiers Tanzabende sind ausverkauft – obwohl sein Ballett in Hamburg öfter auftreten kann als die Tanzensembles seiner Kollegen an anderen Opernhäusern.

John Neumeier hat nicht nur ein Klima für Tanz geschaffen, sondern auch einen Hunger geweckt nach dem, was über den "Tanztheaterwochen" (die nun nicht Neumeier, sondern das Schauspiel ausrichtet) als Motto steht: "Vom Sprachlosen eigentlich wollen wir erzählen." Hat Neumeier die von ihm geweckten Erwartungen erfüllt? Andere Truppen, andere Choreographen finden bei ihm nur selten Arbeitsmöglichkeiten – zum Schaden der Tanzkunst von Neumeiers Ensemble, zum Schaden der Zuschaukunst der Hamburger. Natürlich hat der Ballettdirektor – rechte wenn er erklärt, er wolle kein "Impresario", sondern der Erzieher "seiner" Truppe sein. So aber hat er den (gefährlich oft in rhythmisches Klatschen übergehenden) Beifall seiner "Gemeinde" wohl mißverstanden als bloßen Dank. Ist da nicht immer auch eine Unruhe zu hören, die nach mehr verlangt, nach anderen Formen von Ballett und Tanzdrama?

Mit beträchtlichem finanziellen Risiko (das Schauspielhaus hat keinen Gastspiel-Etat; not falls haftet der Intendant ihn seinem Privatvermögen, wenn er eines haben sollte) hat das Schauspielhaus etwas verwirklicht, was viele Zuschauer immer dringlicher erwarten und was seit Ivan Nagels Intendanz gerade an diesem Theater immer wieder gewagt wird: Überschreitung der ängstlich eng gezogenen Grenze zwischen den "Sparten" am Theater, wo die einen "nur" sprechen, die anderen "nur" singen, wieder andere "nur" tanzen.