Von Jörg Drews

In Dublin war’s, 1982, beim 8. Internationalen James-Joyce-Symposium, einberufen zur Feier des 100. Geburtstages von Joyce in eben die Stadt, die er aus provinzgroßstädtischem Material in Literatur von Jahrhundertrang verwandelt hatte. Da war irgendwann in der Tagungswoche um die Mittagszeit ein „Duolog“ angesetzt über die bekannten sogenannten Parallelen zwischen Homers „Odyssee“ und Joyces „Ulysses“, jene mythologischen Analogien in Personen, Handlungen, Motiven in dem antiken Epos und der modernen Stadtchronik,

Ich habe nur noch wenige fahrige Notizen von jenem Duolog, denn da saßen vor uns 200 Joyceanern zwei kenntnisreiche Gentlemen, die die Ergebnisse ihrer Lektüre wie leichthin in einem temperamentvoll plaudernden Zwiegespräch vorstellten, ja eigentlich nur wie ganz beiläufige Einfälle und Lektürevorschläge hinstellten – es war ein erheiternd instruktives Geistergespräch, dem zu lauschen viel spannender war, als es mitzuschreiben, einer jener Momente, wo man plötzlich überzeugt war, daß Philologie doch was Geistreiches und Großartiges sein kann, und wo man merkte, daß deren Erkenntniskraft gar nicht von einem klappernden Begriffsapparat aus unzähligen Fremdwörtern abhängt: die Umgangssprache von einigermaßen Gebildeten tut’s auch.

Die Herren waren der Amerikaner Hugh Kenner und der Schweizer Fritz Senn. Es lief noch nicht einmal ein Tonbandgerät, das eine Transskription samt Publikation des Gesprächs ermöglicht hätte, zur Erweiterung des Schriftenverzeichnisses der Teilnehmer um einen Titel, zur Vermehrung des Umsatzes der Joyce-Industrie.

Das ist typisch zumindest für Fritz Senn, den Züricher Joyce-Forscher; er macht nicht viel her vom Reichtum seines Wissens, und er mußte erst langwierig überredet werden, damit endlich eine 28 Stücke umfassende Auswahl und Zusammenfassung seiner wichtigsten Aufsätze Zustandekommen konnte.

Die „Ansteckung Joyce“ hat ihn vor nunmehr fast 30 Jahren ergriffen, und er hat aus der „Krankheit“ sein Lebenszentrum gemacht, aber nicht, indem er eine akademische Karriere darauf aufbaute. Vielmehr verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Korrektor in Schweizer Druckereien und Verlagen, um seiner Leidenschaft ungestört frönen zu können. Das brachte zwar einen Ehrendoktor und Gastprofessuren an amerikanischen Universitäten ein, und Senn wurde unter anderem Mitherausgeber der Frankfurter Joyce-Ausgabe bei Suhrkamp und – zusammen mit Klaus Reichert – Berater Hans Wollschlägers bei dessen Übersetzung des „Ulysses“. Aber er wucherte nur höchst zurückhaltend mit seinen Pfunden, brachte es „nur“ zu einer Korrektoren- und dann Lektoren-Stelle im Diogenes-Verlag in Zürich. Dort dachte man nicht daran, die Zierde des Hauses dadurch zu ehren, daß man etwa einen Band mit Senns Joyce-Arbeiten publiziert hätte. Man setzte Senn Anfang dieses Jahres auf die Straße. Gerd Haffmans, dem ehemaligen Diogenes-Lektor, blieb es vorbehalten, ein Buch aus Senns verstreut publizierten Arbeiten aus 25 Jahren zu sammeln und im eigenen Verlag herauszubringen.

Und wir haben den Gewinn. Senn ist. das Gegenteil dessen, was man auf Englisch „pompous“ nennt: großspurig, tönend. Er proklamiert nicht die großen Theorien und statuiert nicht die umfassenden historischen Zusammenhänge; er sagt lieber mit Understatement: „Es geht um das, was schon ein paar Wörter zu bewirken vermögen“ – und das ist bei der sagenhaften und ganz realen Dichte der Joyceschen Texturen doch nicht nur das Konkreteste, sondern auch das Ausgreifendste.

Die Probe aufs Exempel des Joyce-Verständnisses macht er immer durch den Einstieg bei einem Detail, einem Satz, einem Motto, einem Übersetzungsproblem, und dann zeigt er, wie wenig isoliert das Einzelproblem ist und wie pfeilgerade es ins Zentrum von Joyces Werk führen kann. Er plaudert scheinbar trocken – wie witzig er das kann, zeigen einige der in englischer Sprache dem Band beigegebene Arbeiten fast noch mehr erheiternd und er hält selbstironisch Distanz sowohl zur philologischen Gschaftlhuberei wie auch zur Rechthaberei der Joyce-Forschung. Einen „Amateur-Fachidioten“ nennt er sich voller Spott und bekennt sich dabei zu seiner Faszination durch dieses Werk, das knapp 2000 Seiten umfaßt und einem doch – im schönsten Sinn – so zu schaffen macht.

Wie notwendig und fernhinwirkend Joyce das Wort einzusetzen vermag, wie er mit Worten das Alltäglichste mit Bedeutung zu begaben weiß, wie konstruktiv, psychologisch und mimetisch genau Joyce Sprache einsetzt – das ist es wohl, was Senn bewundert und immer wieder vergnügt und selber

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immer noch staunend belegt. Er hat höchstes Vergnügen an der „quintessentiellen Trivialität“ von Joyces Literatur in mehrerlei Sinn: daß sie aus Trivialem, aus Alltagsschrott und Bildungsschrott, aus Abfall, Wegwerfzeug und Müll etwas „Quintessentielles“ macht und zugleich so antiidealistisch das Höchste aufs Unscheinbarste, aufs Allzumenschliche zurückführt. Daß gerade der Humor und die Vitalität Joyces so schwer von der Literaturwissenschaft zu fassen sind, ist Senn immer wieder Herausforderung, etwas von diesem Humanismus des Werks zu demonstrieren.

Von der ersten Geschichte in der Erzählungssammlung „Dubliners“ bis zu Joyces letztem Roman „Finnegans Wake“ insistiert Senn auf der Nicht-Beliebigkeit, der Verläßlichkeit des Wortes bei Joyce. Und zugleich plädiert er, auch wenn er noch so überzeugend zeigen kann, wie präzis die Worte (zum Beispiel) „right“ oder „Rector“ („recht“, „richtig“, „Rektor“) von 1904 bis 1922, von „Die Schwestern“ bis zum „Ulysses“, von Joyce gesetzt und eingesetzt sind, für ein „deutendes Herumraten“ am Text, gegen die Verfestigung dessen, was man einmal gefunden oder verstanden zu haben meint. Die „Dynamik der korrektiven Unruhe“ hat er auf sein Panier geschrieben, und was man für die Joyce-Lektüre bei ihm lernen kann, ist, über alle Erläuterung unzähliger Einzelstellen hinaus, diese Haltung einer flexiblen, schwebenden Aufmerksamkeit auf den Text, die fast meditativ offen bleibt und sich nicht zu starrem Bescheidwissen verfestigt. Das hängt zusammen mit einem anderen Aspekt von Senns Joyce-Verständnis. Er sieht in ihm den Dichter der Fehlbarkeit und Fehlerhaftigkeit des Menschen, den Autor, der die Fehler im Denken, Handeln und Sprechen des Menschen geradezu feiert, der auch der Sprache alles zutraut und sie dennoch für das Medium des Mißverstehens, der schieflaufenden Kommunikation hält und daraus das Kapital der herrlichsten dichterischen Genauigkeit und Vieldeutigkeit schlägt.

Die Apotheose dieses Paradoxons müssen wir nach Senn in „Finnegans Wake“ sehen, denn dies ist ein Universum aus kalkulierten sprachlichen Fehlleistungen, der Roman am Ende aller Romane in einer Sprache aus Versprechern‚ die gar nicht mehr nur „Individuelles“ richtig bezeichnen will, aber als Sprache ganz einmalig ist. Und dieses Werk beginnt mit einem Wort, welches das Nicht-Feststellbare, das Fließende aller Ereignisse und Fakten bezeichnet: „riverrun“, und in eben diesem Wort steckt in der Mitte die Buchstabengruppe „err“ = irren. Sagt Senn, und gibt doch zu, daß dies ein nichtssagender oder ein bedeutsamer Zufall oder Planung sein könnte.

Weil er aber das entspannte, zur Selbstkorrektur bereite Spekulieren über die Bedeutungsmöglichkeiten einer Stelle dem sturen Bescheidwissen vorzieht, zollt er zum Beispiel den Versuchen Arno Schmidts, einige Passagen aus „Finnegans Wake“ in deutscher Sprache lesbar zu machen, in Annäherung zu übersetzen, zwar seinen Respekt, sagt aber recht deutlich, wo der Doktor Allwissend aus Bargfeld besserwisserisch und reduktiv an einer grob eindeutigen Übersetzungsvariante festgehalten hat.

„Wer hat Angst vor dem ‚Ulysses‘? Die Meisten, leider.“ Das grämt Fritz Senn, wie so viele andere Joyce-Enthusiasten. Er möchte gern Proselyten machen, aber ohne zu eifern, ohne die Leute anzuflehen, sie möchten doch bitte Joyce lesen. Und so suggeriert er ganz ohne Einschüchterung das Joyce-Lesen als Abenteuer, bei dem man – wie halt bei einem Abenteuer – oft nicht genau weiß, wo man ist und wo man herauskommen wird. Aber das Unterwegssein macht Spaß, vielleicht gerade dann, wenn man nicht kabbalistisch, jungianisch, freudianisch oder mythologisch gezeichnete Landkarten des Kontinents Joyce sich dauernd vor die Nase hält. Und mag man auch gerade in „Finnegans Wake“ bisweilen nicht mehr wissen, wer hier wer ist: Eines ist sicher, sagt Senn. Der eigentliche Held der Bücher Joyces, mindestens seit dem „Ulysses“, ist die Sprache. Und der sind wir ja dann beim Lesen auf jeden Fall immer nahe. Also werfe man das Herz über die Hürde und springe nach. Daß dieses Bild nun seltsamerweise was zu tun hat mit dem Motto von Joyces „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ und dies Motto wiederum mit einer Joyce angemessenen Lesetechnik, ist bei Senn auf den Seiten 143 bis 154 nachzulesen.

Fritz Senn: „Nichts gegen Joyce – Joyce versus Nothing – Aufsätze 1959-1983“, mit einer vollständigen Bibliographie aller Publikationen des Autors, herausgegeben von Franz Cavigelli; Haffmans Verlag, Zürich, 320 S., 34, DM.