Von Isolde von Mersi

Ein Hauch Kölnisch Wasser schwebt durch den Bus. Aufregung läßt die silbernen Löckchen der Damen leise beben – Mittag ist’s und Münster nah, die erste Station unserer Fünf-Tage-Tour zu romanischen und gotischen Kunstschätzen Westfalens.

Am Bahnhof von Münster übernimmt Reiseleiter Dr. A., Archäologe und Kunsthistoriker, die bisher führungslose Gruppe. Stadtplänchen und Hotelzimmer-Schlüssel werden verteilt, und was wir anschließend gleich sehen werden, erfahren wir auch Da kommt Zufriedenheit auf unter den dreißig Kunsttouristen. Auf den Herrn Doktor könne man sich eben verlassen, wispert mir eine der Damen zu. Ganz offenkundig gehört sie jener verschworenen Gemeinde an, die schon vorhin im Bus in Erinnerungen an verflossene Exkursionen unter des verehrten Meisters Fittichen schwelgte.

Pünktlich um vierzehn Uhr beginnt das Besichtigungsprogramm. Fußmarsch durch die Innenstadt. Dr. A. schreitet zügig voraus, wohl darauf achtend, daß seine vierundzwanzig weiblichen und sechs männlichen Schützlinge nicht unter die Fahrräder der Münsteraner Studenten geraten.

Eine Bildungsreise ist wahrlich keine Butterfahrt. Dementsprechend hoch ist die Dosis Kunst, die uns an diesem ersten Nachmittag verabreicht wird. Dom, Lambertikirche, Überwasser- und Ludgerikirche – unser Reiseleiter nimmt einen Sakralbau nach dem anderen vor, ganz systematisch auf altbewährte Kunsthistoriker-Manier: Erst umkreisen wir die wuchtig ausladenden westfälischen Gotteshäuser, lassen Maßwerkfenster und Fronten auf uns wirken, identifizieren ineinandergestellte Giebel und rosettengeschmückte Zwickel und blicken auf zu schwindelerregend fernen Turmspitzen, zu einsamen Fenstern und Giebelchen. Danach studieren wir das Interieur der heiligen Hallen, ziehen immer schön artig durchs Langhaus zum Querschiff und lernen dabei, daß „Transepte“ Übergänge sind.

Einige stenographieren geflissentlich jede Sehenswürdigkeit auf zierliche Notizblöcke. Die meisten aber lauschen nur andächtig unseres Lehrmeisters Worten, lassen ihre Blicke gehorsam dorthin wandern, worauf des Experten Zeigefinger deutet.

Joche, Streben, Stützen, Pfeiler – das Vokabular ist so vielfältig wie ungewohnt. Schon nach der dritten Kirche bin ich erschöpft. Verstohlen schaue ich auf meine Mitreisenden. Keine Anzeichen von Müdigkeit? Mitnichten. Alles schart sich unverdrossen um Dr. A., fast perfekt synchron heben sich die Köpfe und senken sich wieder im Bann seines Vortrages.