Von Rainer Winkel

Mit einem emphatischen „Nein-danke-Ruf“ hatte Ivan Illich 1980 den Göttinger Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zu schockieren gewußt – seitdem haben auch die Pädagogen, ganz offiziell, ihren Nihilismus und eine wachsende Erziehung-isttot-Bewegung.

Angefangen hat alles 1975, dem Erscheinungsjahr des Buches „Antipädagogik“. Mit rüden Worten und auch Schaum vor dem Mund schlug sein Autor, Ekkehard von Braunmühl, auf alles, was und auf jeden, der sich pädagogisch gab: Erziehung wurde als „totale Entselbstung“, „Depersonalisation“ und „Versklavung des Kindes“ gebrandmarkt, wobei die Erwachsenen wahre „Orgien des Hasses“ feiern, ja ein „Erziehungsgeschäft betreiben, (das) ein gigantisches, mit wissenschaftlicher Akribie aufgebautes und organisierten Bordell (ist), in dem man Kinder prostituiert“. Noch waren dies ungewöhnliche Töne, aber die Frustrierten und Ungeduldigen begannen aufzuhorchen. Es folgte ein Jahr später Maud Mannonis Buch „Scheißerziehung“, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Einbeziehung gerade derjenigen Kinder in das (französische) Bildungssystem, denen man das Etikett „Education impossible“, (so der Originaltitel) anzukleben pflegte – der deutsche Verlag freilich witterte andere Käuferschichten.

Von da an ging es Schlag auf Schlag: 1977 erschien die „Schwarze Pädagogik“ von Katharina Rutschky, eine Sammlung solcher Texte aus vier Jahrhunderten, in denen sich die Drangsalierung von Kindern eindrucksvoll belegen ließ. Zwar haben Historiker diesen vermeintlichen „Quellenband“ als recht dilettantisches und tendenziöses Sammelsurium deklariert, voller Verstöße gegen fundamentale historisch-hermeneutische Regeln (zum Beispiel die Beachtung textlicher und zeitlicher Zusammenhänge), daß aber daraus genüßlich zitiert wurde und wird, konnten und wollten sie nicht verhindern.

Psychologische Weihen erhielt die antipädagogische Bewegung durch die schweizerische Analytikerin Alice Miller. Ihre 1979, 1980 und 1981 erschienenen Bücher laufen auf die zentrale These hinaus: Nicht die böse Gesellschaft ist am Schicksal eines Adolf Hitler oder Jürgen Bartsch nachweislich schuld, auch sind nicht die Konditionen, Erbanlagen oder die Reformen falsch (insofern irren Marx und Skinner, Lorenz und Hentig), sondern: „Am Anfang war Erziehung“ – ein prügelnder Vater, eine nörgelnde Mutter, eine bevormundende Schule. So einfach ist das, wenn man erst einmal die Ursache ausfindig gemacht hat.

Seitdem hören viele, in Anlehnung an das Buch von Lloyd de Mause, die Kinder nur noch weinen. Nicht ihre Erzieher, ihre Lehrer, ihreEltern gilt es zu sein, sondern: „Freundschaft mit Kindern“ lautet das Programm (Hubertus von Schoenebeck); „uneingeschränkte Gleichberechtigung des Kindes“ (Helmut Ostermeyer) wird gefordert; „Unterstützen statt erziehen“ heißt die neue Eltern-Kind-Beziehung (Schoenebeck). Im „Deutschen Kindermanifest“ der antipädagogischen Organisation „Freundschaft mit Kindern stehen sie mittlerweile geschrieben, die auf der Welt wohl einzigartigen Proklamationen: „Kinder können Verträge schließen und Geschäfte eröffnen Kinder haben das Recht, jedes Nahrungs- und Genußmittel, das Erwachsenen zugänglich ist, ungehindert aufzunehmen... Kinder haben das Recht, gegen Entgelt zu arbeiten .. ., ihr Sexualleben selbst zu bestimmen und Nachkommen zu zeugen.“

Auf also, ins Paradies oder ins 19. Jahrhundert? Werden die Videotheken die Schulen der Nation? Machen Drogenhändler mit unseren Kindern das größte Geschäft in der Kriminalgeschichte? Zum Frühstück Snickers und Coca? Mittags Pommes mit roter Soße? Und abends Chips vor dem Fernseher oder am Flipper? Der Kernsatz aller Antipädagogen lautet: Kinder wissen am besten, was für sie gut ist!