Ein Volk auf der schwierigen Suche nach dem eigenen sozialistischen Weg

Von Marion Gräfin Dönhoff

Warschau, im Oktober

Als ich am Morgen nach der Ankunft in Warschau aus dem Hotelfenster sah, blickte ich auf den hohen Bretterzaun, der den großen Friedensplatz eingrenzt, welcher zwei Jahre lang Schauplatz so vieler patriotischer Emotionen und freiheitlicher Kundgebungen des polnischen Volkes gewesen ist. Dort hat Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch 1979 die Messe gelesen, eine Stelle, die lange Zeit mit einem immer wieder erneuerten Blumenkranz markiert wurde.

Über die Errichtung des Zaunes war im Jahr 1982 viel berichtet worden, aber ich wußte nicht, daß der Belag dieses etwa 10 000 Quadratmeter großen Platzes entfernt worden ist, so daß das ganze jetzt wie eine riesige Baustelle wirkt. „Warum hat man denn die schönen Steinplatten entfernt?“, fragte ich einen Bekannten. „Na, das ist doch klar“, war die Antwort, „wegen des Zaunes.“ Ich blickte ihn fragend an. „Die Baustelle ist geschaffen worden, um den Zaun zu motivieren.“

Man kommt natürlich mit vielen Fragen nach Warschau. Meine erste galt der Wirkung des zweiten Papst-Besuches im vergangenen Juni: „Wer hat denn nun eigentlich am meisten davon profitiert – das Volk, die Kirche oder das Regime?“

Eine der Antworten lautete: Natürlich die Kirche, denn da hat sich doch vor aller Welt offenbart, wo die Loyalitäten liegen. Es war ja fast wie ein Referendum, diese Millionen, die da zusammenströmten, wo immer der Papst erschien.“