Von Hanns Grössel

Mais les vrais voyageurs sont ceux-lä seuls qui partent/Pour partir... Baudelaire

Nur langsam hat Victor Segalen, der Schriftsteller und Entdeckungs reisende, einen Platz im literarischen Bewußtsein gefunden. Zu seinen Lebzeiten – er ist 1919 gestorben – waren von ihm außer Beiträgen in Zeitschriften nicht mehr als fünf Bücher erschienen, darunter seine Doktorarbeit; alles übrige ist von Mitte der fünfziger Jahre an aus dem Nachlaß veröffentlicht worden.

Nach frühen Hinweisen auf Segalen in den vierziger Jahren – namentlich von seiner Tochter, Annie Joly-Segalen, sowie von Pierre Emmanuel und Pierre Jean Jouve – hat 1961 Henry Bouillier eine erste biographisch-kritische Studie über ihn vorgelegt (die noch immer gründlichste und umfassendste freilich). Und als 1978 das Pariser Musée Cernuschi eine Gedenkausstellung zu seinem hundertsten Geburtstag zeigte, da wußte man zumindest in Frankreich, wer Victor Segalen gewesen war, da war der Entdecker seinerseits entdeckt.

Segalen stammte aus der Bretagne. Er wurde am 14. Januar 1878 in Brest geboren und von seiner Mutter, dem ehrgeizigeren und bestimmenderen Eltern teil, in eine Jesuitenschule gegeben. Das Abitur legt er (im zweiten Anlauf) 1895 ab, immatrikuliert sich an der Universität Rennes, und da er seiner Kurzsichtigkeit wegen nicht Marineoffizier werden kann, entscheidet er sich für den Beruf des Marinearztes, den bereits zwei seiner Onkel gewählt hatten. Die dazu erforderlichen Studien fuhren ihn nach Bordeaux an die „Ecole de Santé navale“. Trotz der strengen Disziplin, der er sich in dieser militärischen Akademie fugen muß, kann er seinen künstlerischen Interessen nachgehen, kann Wagner hören (den literarischen Komponisten par excellence) und Joris-Karl Huysmans lesen.

Mit dem Buch „Gegen den Strich“ (1884) hatte sich Huysmans endgültig von seinen naturalistischen Anfängen abgewandt; er hatte sich zu Beginn der neunziger Jahre zum Katholizismus bekehren lassen und darüber in „Unterwegs“ (1898) berichtet; im Jahre darauf veröffentlichte er „Die Kathedrale“. Segalen kannte beide Bücher, kannte möglicherweise auch „Da unten“ (1891), den Roman, in dem Huysmans von Schwarzen Messen im modernen Paris erzählt. Was Segalen, den Mediziner, daran fesselte, war jedoch nicht, was aufs Religiöse, sondern was auf psychische Vorgänge verwies, auf Ekstasen und Entrückungszustände, wie Huysmans sie bei Mystikern und Heiligen dargestellt hatte. Der Benediktinerpater Dom Thomasson vermittelte einen Besuch bei dem Autor, und am 1. August 1899 begab sich Segalen von Solesmes nach Liguge, wo Huysmans seit kurzem lebte.

Den Blick für das Andere muß Segalen früh entwickelt haben. Geschärft hat er ihn sicherlich in dem Maße, wie sein schriftstellerischer Ehrgeiz erwachte und wie er sich zwischen Brotberuf und Neigung, zwischen Medizin und Literatur aufgeteilt fand. Bald scheint er diese Zweiteilung als Zwiespalt, bald als Bereicherung empfunden zu haben; jedenfalls hat er sie in verschiedene Richtungen fruchtbar gemacht, erstmals in seiner Doktorarbeit, „Die Kliniker der Literatur“ (1902). Anhand von vier Autoren (Gustave Flaubert, Edmond de Goncourt, Joris-Karl Huysmans und Emile Zola) untersucht Segalen darin, mit welchen Methoden und mit welchem Wortschatz die ihm zeitgenössische Literatur Krankheitsbilder und -Verläufe schildert und wieweit sie dabei den Kriterien wissenschaftlicher Genauigkeit genügt.