Von Heinz Günter Kemmer

Seit Mitte der siebziger Jahre, als die Portugiesen aus Angola und Moçambique vertrieben wurden und die Schwarzen in der Johannesburger Vorstadt Soweto sich erhoben, ist Südafrikas Bevölkerung nicht so aufgewühlt gewesen wie in diesem Jahr. Dabei geht es nicht um eine militärische Bedrohung von außen oder um revolutionäre Strömungen im Innern – was Südafrikaner aller Hautfarben erregt und zu Rissen quer durch alle sozialen Schichten geführt hat, ist die für Mittwoch kommender Woche anstehende Volksabstimmung über eine neue Verfassung.

Dabei geht es vordergründig um eine Änderung, die jedem Kritiker der von den Weißen Südafrikas betriebenen Rassenpolitik gefallen müßte: Mischlinge und Inder sollen künftig wählen und neben dem Weißen vorbehaltenen House of Assembly ein House of Representation (für die „Farbigen“) und ein House of Delegates (für die Inder) bilden dürfen.

Die Zahl der jeweiligen Sitze – 178 für die Weißen, 85 für die Farbigen, 45 für die Inder – würde zwar auch bei gemeinsamer Abstimmung der drei Häuser die Vorherrschaft der Weißen garantieren, aber das entspricht durchaus den Bevölkerungsanteilen: 4,67 Millionen Weißen stehen 2,72 Millionen Farbige und 0,85 Millionen Inder gegenüber. Überdies würde die neue Verfassung dem Präsidenten in Verbindung mit der Regierungspartei eine solche Machtfülle verleihen, daß es auf die Verteilung der Mandate unter den ethnischen Gruppen ohnehin nicht mehr ankommt.

Den Konservativen unter den Weißen geht dies freilich schon viel zu weit. Ihnen ist die ganze Politik des Ministerpräsidenten Pieter Willem Botha suspekt. Denn sie sind zutiefst davon überzeugt, daß nur der weiße Mann das Recht hat und in der Lage ist, über die Geschicke Südafrikas zu bestimmen. So kam es im vergangenen Jahr, als Bothas Pläne „ruchbar“ wurden, zu einer Spaltung der mit 125 von 177 Sitzen im Parlament herrschenden Nationalen Partei – der konservative Prediger Andries Treurnicht seilte sich mit 16 Gesinnungsgenossen aus der Mehrheitspartei ab und gründete die Konservative Partei, die von ihren Gefolgsleuten ein „Nein“ zum Referendum fordert.

„Nein“ zum Referendum sagen allerdings nicht nur die „Verkrampten“ auf der konservativen Seite des politischen Spektrums, „nein“ sagen auch die fortschrittlichen Kräfte unter den Weißen, die sich in der von der englischsprachigen Bevölkerung unterstützen Progressive Federal Party versammeln. Ihnen geht die Reform ganz offensichtlich nicht weit genug, für sie ist es, wie ein Mitarbeiter des angesehenen South African Institute of International Affairs sagt, „zuwenig zu spät“.

Während die „Verkrampten“ in der Reform den ersten Schritt zur Aushöhlung der uneingeschränkten Herrschaft des weißen Mannes sehen, halten die „Verligten“ Bothas Pläne für den Schlußstein einer perfiden Apartheids-Politik. Wenn nämlich neben den Weißen auch Inder und Farbige ihre eigenen Volksvertreter wählen dürfen, dann ist das Apartheid-System, das allen Rassen die Selbstbestimmung verspricht, komplett. Denn die Schwarzen, die mit 17,26 Millionen die Mehrheit der Bevölkerung Südafrikas stellen, dürfen nach dieser Theorie längst wählen, und zwar in den ihnen zugewiesenen Territorien, den sogenannten Homelands, von denen vier – Transkei, Bophuthatswana, Venda und Ciskei – den Status der „Unabhängigkeit“ erreicht haben.