Kiel

Auf der Anklagebank saß ein Junge wie hunderttausend andere: mit rundem, unfertigem Gesicht und großen Augen, in Turnschuhen, Jeans und Sweatshirt. Die Träume, die er jahrelang geträumt hatte, sah man ihm nicht an. Es waren Träume, in die er sich aus häuslicher Misere und Einsamkeit geflüchtet hatte.

Zu Hause – das waren in seinem Fall die so geliebte, schwerkranke Mutter, eine nachgiebige Großmutter, ein schizophrener Vater (von der Mutter längst geschieden und dennoch häufig dabei), ein Verlobter der Mutter (unentwegt Kreuzworträtsel lösend), eine Schwester. Jeder blieb für sich. Mit elf Jahren begann sich der Junge ganz in sein Zimmer zurückzuziehen, um seine Träume zu spinnen, Träume, in denen er sich als Supermann sah, als Star, als Satan; als treusorgenden Familienvater – dieser Traum stand jedoch am Ende: Als 16jähriger „verlobte“ er sich mit einer 14jährigen.

Die Jugendkammer am Landgericht Kiel verurteilte den jetzt 17jährigen Auszubildenden wegen versuchten Totschlags in zwei Fällen zu fünf Jahren Jugendstrafe. Falls erforderlich, soll der Jugendliche nach Verbüßung der Haft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Am 22. und 26. Dezember 1982 hatte der Junge in Norderstedt zwei Frauen mit einem Messer überfallen und schwer verletzt. Zuvor hatte er sich beide Male zu Hause den Video-Film „Der Fan“ angesehen. Wie in der Filmhandlung dargestellt, hatte er seinen Opfern einen Fuß abschneiden wollen, um ihn zu verspeisen.

Nicht zuletzt sein Fall war es, der die Diskussion um einen verbesserten Jugendschutz auf dem Video-Sektor aktivierte. In der Boulevardpresse wurde der Junge mit Ausdrücken wie „Kannibalen-Lehrling“ und „Menschenfresser“ charakterisiert. Der Prozeß zeigte jedoch, daß es bei seiner Tat keineswegs damit getan war, entweder den Videos oder einer krankhaften Veranlagung allein die Verantwortung zuzuschieben.

Ein Fixpunkt dieser Biographie war die Konfirmation gewesen: wegen der üppigen Geldgeschenke. An Geld hatte es in der Versorgungsgemeinschaft ja nie gemangelt, und so konnte sich der 14jährige Konfirmand einen langgehegten Wunsch erfüllen. Er kaufte sich einen Videorecorder. Am meisten faszinierten ihn sogenannte „Schlitzer“- und Kannibalenfilme. Aber gegen diese Vorliebe hätte auch der Jugendschutz mit verbesserten Gesetzen kaum eine Chance gehabt – die Filme brachte zunächst der Vater mit. Ihre verhängnisvolle Wirkung entfalteten sie übrigens dann erst in Verbindung mit der nicht-realen Gedankenwelt dieses Jungen: Seine Freunde, die manchen der Kannibalen-Filme mit ihm angesehen hatten, fanden die Handlungen zwar abenteuerlich, aber „normal“. Zweieinhalb Jahre vergingen von der Konfirmation bis zur Tat. Es scheint, als habe während dieser Zeitspanne kein Familienmitglied je die Tür zum Zimmer des Jungen geöffnet, um nachzusehen, was dort vor sich ging. Da war niemand in der Versorgungsgemeinschaft, der ihn mal ins Gespräch gezogen hätte. In sein Tagebuch schrieb er: „... fühle ich so eine innere Sehnsucht in mir, die ich niemand erzählen kann.“ Damals hatten seine Sehnsüchte bereits eine bestimmte Richtung angenommen: Er träumte von der Symbiose mit einer Frau, einer blonden, blauäugigen Frau. In dieser Traumgestalt, so der Jugendpsychiater, seien für ihn Großmutter und Mutter zugleich verkörpert gewesen, die beiden guten Frauen seines Lebens. Die Symbiose – das bedeutete für ihn ein Verspeisen.

Füße übten von frühester Kindheit an eine Anziehung aus, wohl schon, als die Mutter dem Baby die Füßchen gestreichelt hatte. Später sah er die Mutter häufig barfuß durch die Wohnung gehen. Ein Photo der Füße seiner Freundin hing zuletzt über seinem Bett. So wurde der Film „Der Fan“ nur zum Auslöser der Taten. Um Videos wie „Der Fan“ ausleihen zu können, hatte der Junge das Geburtsdatum in seinem Ausweis plump gefälscht. Es heißt, er habe den Ausweis bei der Ausleihe meist gar nicht benötigt. Übrigens hätte schon ein Blick in dieses Kindergesicht genügt, um festzustellen, daß man es hier keinesfalls mit einem 18jährigen zu tun hatte.