Von Dieter Buhl

Der Rassenkonflikt, der Amerika viele Jahre lang aufrüttelte, ist seit langem zu einem emotionalen Grabenkrieg geworden. Statt offenem Haß bestimmt Gleichgültigkeit, oft auch Mißtrauen das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß. In dieser Situation wiegt die Ehrung um so schwerer, die der amerikanische Kongreß in der vergangenen Woche Martin Luther King zuteil werden ließ: Ein gesetzlicher Feiertag soll jeweils am dritten Montag des Januar an den ermordeten Prediger erinnern. Dies ist eine ebenso glanzvolle wie außergewöhnliche Auszeichnung. Nur George Washington, der militärische Wegbereiter und erste Präsident der Vereinigten Staaten, wurde bisher auf solche Weise gewürdigt.

Der Gedenktag ist Kein Ergebnis spontaner Begeisterung für den schwarzen Träger des Friedensnobelpreises. Seit anderthalb Jahrzehnten stand das Thema auf der Tagesordnung des Kongresses. Bis zum entscheidenden Votum erhoben sich im Senat immer wieder ablehnende Stimmen wie die des erzkonservativen Senators Jesse Helms, der King in die Nähe des Kommunismus rückte und ihm moralische Lauterkeit absprach. Auch Ronald Reagan meldete Bedenken an. Sein Einwand, Kings Ruf beruhe auf einem imaginären Erscheinungsbild und nicht auf der Wirklichkeit, verwundert bei einem Präsidenten mit Hollywood-Erfahrung. Er ähnelt den Vorurteilen mancher Südstaatler, die an dem neuen Nationalfeiertag statt des Bügerrechtlers den General Robert E. Lee hochleben lassen wollen, den Oberbefehlshaber jener Konföderierten Südstaaten, die vor 120 Jahren im Bürgerkrieg die Sklaverei verteidigten.

Die Bedeutung des Kongreßbeschlußes können solche Reaktionen nicht schmälern. Amerika ist über seinen Schatten gesprungen. Es zeichnet einen Mann aus, der dem Land jahrelang seine Erbsünde der Rassendiskriminierung vorgehalten und Unruhe ausgelöst hatte; der Sturm gelaufen war gegen Ungerechtigkeit und Intoleranz; der am Ende – 1968 –, als er 39 Jahre alt war, von der Kugel eines weißen Mörders niedergestreckt wurde.

Dabei war Martin Luther King keine Heldenfigur. Der untersetzte Vorsitzende der Southern Christian Leadership Conference mit dem ungewöhnlich breiten Brustkorb und dem kleinen Schnurrbart beeindruckte nicht mit seiner äußeren Erscheinung. Das winzige Büro in den schwarzen Slums von Atlanta mit seinen kargen Möbeln und schmucklosen Wänden wirkte keineswegs wie der Ort, von dem eine Kraft ausging, die Amerika erschütterte. Nur die Bücher in den Regalen hinter dem Schreibtisch, die Werke Kants, Hegels, Tillichs, Gandhis, ließen ahnen, daß hier kein Durchschnittspriester arbeitete.

Warum Martin Luther King, der im persönlichen Gespräch kühl und logisch argumentierte, soviel bewegen konnte, das zeigte sich bei seinen öffentlichen Auftritten. Da strahlte er Zuversicht aus, Nächstenliebe und den unbeugsamen Willen, das schwere Los der Schwarzen endgültig zu überwinden. Da wurde er zum mitreißenden Prediger der Gleichberechtigung. Wie eindringlich er auf die Massen wirken konnte, bewies King bei der großen Washingtoner Kundgebung der Bürgerrechtsbewegung im Sommer 1963, als er eine der bewegendsten Reden dieses Jahrhunderts hielt: "Ich habe einen Traum, der im amerikanischen Traum verwurzelt ist. Ich habe einen Traum, daß eines Tages die Söhne früherer Sklaven mit den Söhnen früherer Sklavenbesitzer in den roten Bergen von Georgia am Tisch der Brüderlichkeit zusammensitzen. Ich habe einen Traum, daß eines Tages meine vier kleinen Kinder nicht nach der Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden..."

Für diesen Traum hat Martin Luther King gekämpft. Es war ein bitterer Kampf zu Beginn der sechziger Jahre, als die Schwarzen im Süden Amerikas den Zugang zu den "weißen" Restaurants und Hotels, den öffentlichen Schwimmbädern und Universitäten erstreiten wollten, als sie um ihr Wahlrecht und ihre menschliche Würde rangen. King führte diesen Feldzug zu Erringung der Bürgerrechte an; gewaltlos und in der festen Überzeugung, daß Beharrlichkeit und Mut zum Ziel führen werden.