Von Udo Dünnebacke

Ein kalter Tag auf der Butte Montmartre in Paris. Die Rue Lepic führt steil hinab zum Boulevard de Clichy. Es ist Mittagszeit. Die Geschäfte sind zum größten Teil geschlossen. An der Kreuzung zur Rue des Abesses hält ein Lieferwagen, und ein Mann in einem blutverschmierten, weißen Kapuzenumhang trägt auf seinem Rücken ein halbes Schwein hinüber zur Fleischerei „Le Cochon rose“, die es hier schon gab, als die Butte noch der Ort war, wo die revolutionären Ideen der Malerei ausgebrütet wurden.

Diese Zeit ist vorbei. Der Montmartre ist zu einer der größten Touristenattraktionen der Stadt geworden. Man ist selber einer von diesen Millionen Schaulustigen, die dem Dorf jene Stille und Behaglichkeit genommen haben, die man heute nur noch auf den Bildern von Utrillo wiederfindet. Es schmerzt zu sehen, wie durch die Straßen, die einst für Pferdefuhrwerke angelegt wurden, doppelstöckige Touristenbusse walzen, und auf der Place de Tertre, der in den Reiseführern immer noch als typisch französischer Marktflecken verkauft wird, ein Jahrmarkt des Kitsches veranstaltet wird.

Zum Glück gibt es aber noch einige Straßen, die nicht infiziert sind. Sie haben sich so erhalten, wie sie schon vor Jahrzehnten waren. Ihre Häuser und Geschäfte sind älter als die ältesten Menschen, die dort leben. Ihre Fassaden weisen dieselben Furchen und Risse auf, die man auch in den Gesichtern der Alten und Invaliden wiederfindet. Schweigend gehen wir die Straße hinunter, suchend, was wir nur von Bildern, alten Photographien und aus Büchern kennen.

Plötzlich steht ein Mann vor uns, versperrt für einen Augenblick das schmale Trottoir. Er starrt uns aus leeren, dunklen Augen an. Sein Gesicht ist mager, die Haare sind auf Bürstenmaß kurz geschnitten. Um seinen schmächtigen Körper schlottert ein verschlissener grauer Anzug, unter dem er an diesem frostigen Tag nur ein Unterhemd trägt. Wie alt mag er sein – sechzig, siebzig oder achtzig Jahre?

„Wie die Gestapo“, sagt er mit tonloser Stimme, uns dabei eindringlich musternd. Und auf unser erschrockenes Schweigen: „Deutsche Geheimpolizei“. Er streckt uns seinen rechten Arm mit einer Bewegung entgegen, als wolle er auf eine Armbanduhr zeigen. Doch statt der Uhr sehen wir auf dem Handgelenk die Nummer eines Konzentrationslagers eingebrannt. Ebenso rasch, wie er vor uns auftauchte, verschwindet er wieder, läßt uns in unserem Entsetzen sprachlos zurück.

„Ici est tombé... Fusillé par les Allemands... Pour la Libération de Paris ...“ Überall in den Straßen von Paris findet man diese fünfzig mal fünfzig Zentimeter großen Tafeln aus Stein oder Eisen. Sie hängen, meist in Hüfthöhe, an den Fassaden der Häuser, oft dort, wo sich zwei Straßen kreuzen.