Von Jes Rau

Wer einen Cadillac oder irgendein anderes Luxusmobil fährt, der weckt damit in den USA nicht nur den Neid der lieben Nachbarn, sondern auch die Neugier einer Organisation, deren Aufmerksamkeit jeder normale Amerikaner am liebsten zu vermeiden sucht. Die Rede ist vom International Revenue Service, der Behörde also, die für die US-Bundesregierung die Steuern eintreibt. Die Abneigung gegen den „IRS“ – alles was Schrecken einflößt, hat in Amerika eine Abkürzung – geht bei vielen Leuten so weit, daß sie Jahr für Jahr einfach vergessen, eine Steuererklärung abzugeben.

Die Neigung zur Vergeßlichkeit befällt vor allem Selbständige, deren Einkünfte auf keinem Lohnstreifen verbucht sind und die ihren Zahlungsverkehr am liebsten spurlos in bar abwickeln. Um diesen – wie das US-Finanzamt versichert, immer größer werdenden – Bevölkerungskreis daran zu erinnern, daß der Regierungsapparat keineswegs von Luft und Liebe, sondern von den Steuern der Regierten lebt, hat der IRS vor kurzem ein kontroverses Experiment begonnen: Die Steuerfahnder im neugegründeten Office of Intelligente verschaffen sich Daten über den Lebensstil von Personen, die Uncle Sam nichts abgeben, und ziehen daraus Schlüsse auf deren Einkommen.

Beispielsweise läßt sich der IRS von der Detroiter Firma Polk Co. eine nach Namen geordnete Liste sämtlicher Autozulassungen zusammenstellen. Dank der segensreichen Computerisierung macht es nicht viel Mühe, die Zulassungsliste mit der Liste der Einkommenssteuerzahler zu vergleichen und herauszufinden, welcher Autobesitzer keine Einkommensteuer zahlen muß. Wenn sich jemand einen teuren Corvette-Sportwagen leisten kann, aber sich für zu arm hält, um Einkommenssteuer zu zahlen, dann stimmt da in der Regel etwas nicht, räsonieren die Leute vom IRS sicherlich nicht zu Unrecht.

Dasselbe Mißtrauen richtet sich gegen solche Steuer-Abstinenzler, deren Name auf Adressenlisten auftaucht, die von Marketinggesellschaften erstellt werden, um sie an Interessenten zu verkaufen. In solche Listen werden nur die Namen von Personen aufgenommen, denen die Marketingfirmen eine bestimmte Kaufkraft zutrauen. Bei der Einstufung in verschiedene Einkommensgruppen reicht den Marketingleuten der Indizienbeweis: Wer eine Yacht besitzt, landet mit großer Wahrscheinlichkeit mit seinem Namen auf einer Liste, die beispielsweise an Investmentberater oder Schmuckgeschäfte verkauft wird. Käufer von Video-Recordern, Bewohner von teuren Wohngegenden oder Opernabonnenten müssen sich ebenfalls gefallen lassen, daß ihre Namen zu Futtermittel für datenhungrige Computer werden, die ihr Wissen an jeden weitergeben, der dafür zu zahlen bereit ist. Dazu gehören beispielsweise Versandhäuser, Banken, all die mehr oder weniger wohltätigen, in jedem Fall aber dollarabhängigen Organisationen – und nun auch noch die Steuerbehörden.

Wenn die Fahnder bei der Durchsicht dieser Listen auf jemanden stoßen, der Uncle Sam nicht gibt, was Uncle Sam gebührt, dann wird er zum Objekt einer Untersuchung. „Wir fragen höflich an, wieso es kommt, daß der Betreffende keine Steuerklärung abgibt“, meint Walter Bergman, stellvertretender IRS-Kommissar. „Das ist keine große Affäre.“

Bergmans Meinung wird allerdings von Vertretern der amerikanischen Bürgerrechts-Organisationen nicht geteilt.