Von Theo Sommer

Wat nu? fragt die respektlose Die Seriösen im Lande stellen sich dieselbe Frage, nur gewundener formuliert: Wie soll es weitergehen nach der herbstlichen Aktionswoche gegen die Nachrüstung?

Lassen wir die Petitessen beiseite: die zeternden Ausfalle gegen Willy Brandt, in denen sich Petra Kelly gemeinsam mit der Union gefällt, die krampfhaften Versuche des Bundesinnenministeriums, die Zahl der Teilnehmer zu bagatellisieren, das dumme Gerede über eine "Blamage der Blockierer". Niemand hat sich blamiert. Nicht die Friedensbewegung, die Millionen mobilisierte und bewies, daß hierzulande Demonstrieren nicht in Randale münden muß; nicht die Obrigkeit, die durchweg Gelassenheit an den Tag legte; nicht unsere Demokratie, die ein weiteres Mal den Nachweis lieferte, daß sie offen, diskussionsfähig und lebendig ist.

Aber mit den Selbstbeglückwünschungen ist es nicht getan. Bisher haben beide ja nur demonstriert – die Friedensbewegung ihre Gegnerschaft zur Nachrüstung, die Regierung ihre Entschlossenheit dazu. Der Knirschpunkt steht uns erst noch bevor: wenn nämlich in vier Wochen mit der Aufstellung der ersten neun Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik begonnen wird.

Heute sieht es nicht so aus, als ob uns irgend etwas den Stationierungsbeginn ersparen könnte. Wohl wäre es wichtig, daß der Westen Andropow beim Wort nähme und ein erstes Abkommen vorschlüge, wie es der Kremlchef zuweilen anzudeuten schien: Verminderung der sowjetischen Mittelstreckenraketen auf 54, was der Zahl der britischen und französischen Sprengköpfe entspräche, Verschrottung also von 190 gegen Westeuropa gerichteten SS-20, dafür keine Cruise Missiles und Pershing II im westlichen Teil des Kontinents. Solch eine Regelung wäre annehmbar. Egon Bahr, der für ähnliches eintritt, deswegen der Unterwürfigkeit gegenüber Moskau zu bezichtigen, ist schiere Narretei. Das Problem ist freilich ein doppeltes: Der Westen kann sich zu solch einem Vorschlag schwer durchringen, und wenn er es doch täte, so würden sich wohl die Russen nicht darauf einlassen, deren Genfer Unterhändler seit Wochen nur Fisimatenten machen, anstatt Andropows Vorschläge positiv zu präzisieren. Dies macht den Beginn der Stationierung unausweichlich.

Was tut dann die Friedensbewegung? Drei Szenarien sind denkbar. Erstens, es wird weiter demonstriert, blockiert, polarisiert – ohne jede Aussicht auf Wirkung. Zweitens, die Friedensbewegung macht die gleiche Entwicklung durch wie die Apo von 1968: die Masse ihrer Anhänger resigniert; einige Aktive treten den Marsch durch die Institutionen an; ein winziger Bruchteil flüchtet sich aus der Frustration in den Terrorismus. Dritsich die Bewegung läßt ab vom hektischen Aktionismus und konzentriert sich statt dessen auf eine langfristig angelegte Politik der Abrüstung, geht also nicht von einer Traumwelt aus, sondern von der Wirklichkeit, wie sie ist.

Diese dritte Entfaltungsmöglichkeit hätte Zukunft. Nicht nur die Demonstranten bangen ja um den Frieden, nicht nur sie halten das fortdauernde Aufrüsten für Wahnsinn. Millionen außerhalb der Menschenketten und Menschensterne teilen ihre Besorgnis. Diese Besorgnis wird sich verstärken, wenn Nachrüstung bloß Nach-Nachrüstung und Nach-Nach-Nachrüstung zeugt; wenn ein Wettrüsten auf unserem Hoheitsgebiet nun auch bei chemischen Waffen anheben sollte; wenn Rüstungskontrollpolitik der Ideologie geopfert würde. Nur dann auch könnte ins Wanken geraten, was heute unbezweifelbar ist: die Loyalität der Westdeutschen – selbst der Nachrüstungsgegner – zur Nato.