Die S-Bahn in West-Berlin, die von der DDR-Reichsbahn betrieben wird, verfällt immer mehr, und sie hat kaum noch Fahrgäste. Seit langem bemüht sich der Senat von Berlin, ein Konzept zur Übernahme des S-Bahn-Betriebes in westliche Regie auszuarbeiten.

Nun versucht die DDR, Druck auf den Gang der Verhandlungen auszuüben, indem sie mit der Einstellung der wenigen noch befahrenen Strecken und der Entlassung des Westberliner S-Bahn-Personals zum Jahresbeginn droht. Gleichzeitig erhebt sie so außergewöhnliche und unrealistische Forderungen, daß jedermann klar sein muß, wie langwierig die Verhandlungen zwischen Senat und DDR-Regierung sein werden.

Bisher gab es nur Vorgespräche des Bonner Ständigen Vertreters in Ost-Berlin mit der DDR-Regierung. Noch nicht einmal die zuständigen West-Alliierten haben für Verhandlungen mit der DDR grünes Licht gegeben. Daß bis zum nächsten Jahr ein Vertrag über die S-Bahn abgeschlossen werden könnte, ist daher gänzlich unwahrscheinlich. So ist der Druck, den die DDR-Führung jetzt macht, taktisch unklug. Denn der Senat könnte wohl auch auf das ganze Vorhaben verzichten.

Verkehrspolitisch ist nämlich die S-Bahn ziemlich überflüssig; höchstens 10 000 Westberliner benutzen sie täglich. Das Netz von Omnibussen und U-Bahn reicht völlig aus. Im Grunde geht es bei dem Projekt nur darum, die fortwährende Verrottung des Bahngeländes und der Bahnhöfe aufzuhalten, die das ganze Stadtbild beeinträchtigt. Möglicherweise gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten, zusammen mit den Alliierten dieses Ziel zu erreichen. Unter Druck muß der Senat nicht verhandeln. Erst wenn die DDR ehrlich an einer Lösung des S-Bahn-Problems interessiert ist, können Gespräche Sinn haben. jn