Meine lieben Brüder,

während ich hier im Stadtgefängnis von Birmingham eingesperrt bin, kam mir Eure jüngste Erklärung zu Gesicht, worin Ihr über unser derzeitiges Tun sagt, es sei „unklug“ und komme „zur Unzeit“. Selten, wenn überhaupt je, halte ich inne, um Kritik an meiner Arbeit und an meinen Ideen zu beantworten. Wollte ich auf alle Kritik erwidern, die mir auf den Schreibtisch gelangt, so kamen meine Sekretärinnen den ganze Tag über Zu nichts anderem, und ich hätte gar keine Zeit mehr für konstruktives Arbeiten. Aber da ich glaube, daß Ihr Männer wirklich guten Willens seid und Eure Kritik geradeheraus vorgetragen habt, würde ich Eure Erklärung gern in, so hoffe ich, geduldiger und vernünftiger Weise beantworten.

Ich denke, ich Sollte zunächst den Grund dafür angeben, daß ich in Birmingham bin, da Ihr auf das Argument angespielt habt, daß „Außenseiter“ sich in Eure Angelegenheiten einmischten. Ich habe die Ehre, der Southern Christian Leadership Conference als Präsident zu dienen, einer Organisation, die in sämtlichen Südstaaten tätig ist und ihr Hauptquartier in Atlanta (Georgia) hat. Im ganzen Süden sind uns rund 85 Organisationen angeschlossen; eine davon ist das Alabama Christian Movement for Human Rights. Vor einigen Monaten bat uns diese Zweigstelle, uns gegebenenfalls an einem Programm gewaltfreier direkter Aktion zu beteiligen. Wir stimmten gern zu, und als die Stunde kam, lösten wir unser Versprechen ein. Ich bin also mit einigen anderen hier, weil wir eingeladen worden sind.

Darüber hinaus jedoch bin ich in Birmingham, weil die Ungerechtigkeit hier ist. Wie die Propheten des achten Jahrhunderts ihre Dörfchen verließen und ihr „Also sprach der Herr“ weit über die Grenzen ihrer Heimat trugen; und wie der Apostel Paulus sein Dörfchen Tarsus verließ und das Evangelium des Jesus Christus in praktisch jeden Weiler, jede Großstadt der griechisch-römischen Welt trug, so bin auch ich getrieben, das Evangelium der Freiheit jenseits der Mauern meiner eigenen Heimatstadt zu verkünden. paulus, muß ich dauernd auf den Hilferuf der Mazedonier rea-Überdies bin ich mir bewußt, daß alle Gemeinden und Gemeinschaften zusammenhängen. Ich kann nicht müßig in Atlanta herumsitzen, ohne mich um das zu kümmern, was in Birmingham geschieht. Ungerechtigkeit irgendwo ist eine Bedrohung der Gerechtigkeit überall. Wir sind gefangen in einem unentrinnbaren Geflecht der Gegenseitigkeit, verknotet in einem einzigen Gewand des Schicksals. Was immer einen einzelnen direkt berührt, berührt indirekt alle ...

Ihr beklagt die Demonstrationen, die gegenwärtig in Birmingham stattfinden. Es tut mir leid, daß Eure Erklärung keine ähnliche Klage über die Zustände enthält, welche doch die Demonstrationen ausgelöst haben. Gewiß wird jeder von Euch über den oberflächlichen Gesellschaftsanalytiker hinausgeben wollen, der immer nur die Wirkungen betrachtet und sich gar nicht erst bemüht, die zugrundeliegenden Ursachen zu erkennen. Ich stehe nicht an zu sagen: Es ist unglückselig, daß gegenwärtig in Birmingham sogenannte Demonstrationen stattfinden; aber ich möchte mit noch größerem Nachdruck sagen: Es ist noch unglückseliger, daß die weiße Machtstruktur dieser Stadt der Negerbevölkerung keine andere Wahl gelassen hat.

In jeder gewaltfreien Kampagne gibt es vier Grundschritte: 1. Sammlung der Fakten, um zu bestimmen, ob Ungerechtigkeit herrscht. 2. Verhandlungen. 3. Läuterung (self-purification). 4. direkte Aktion. In Birmingham haben wir diese vier Phasen alle durchlaufen.

Es läßt sich nicht bestreiten, daß in Birmingham rassische Ungerechtigkeit die Gemeinschaft überwältigt. Birmingham ist wahrscheinlich die am stärksten segregierte Stadt in den Vereinigten Staaten. Die Brutalität seiner Polizei ist in allen Landesteilen bekannt. Die ungerechte Behandlung der Neger in seinen Gerichtshöfen ist notorische Wirklichkeit Es gibt in Birmingham mehr unaufgeklärte Bombenanschläge auf Negerwohnungen Und Negerkirchen als in irgendeiner anderen amerikanischen Stadt. Dies sind die harten, brutalen und unglaublichen Fakten. Auf Grund dieser Zustände versuchten die Negerführer, mit den Stadtvätern zu verhandeln. Aber die politisch Verantwortlichen weigerten sich beständig, guten Glaubens Verhandlungen zu führen.