Von Hans Küng

Warum ich trotz dem noch katholisch bin? Auf diese (mir so gestellte!) provozierende Frage könnte ich provozierend zurückfragen: Was soll ich, Katholik, der ich bin, denn sonst sein? Etwa lutherisch, etwas protestantisch? Sind denn heute, so fragt sich der katholische Christ im 500. Geburtsjahr Martin Luthers, die protestantischen Kirchen gerade in Luthers Heimatland so viel attraktiver, überzeugender?

Gewiß, ich gebe es gleich zu: Es gibt in den protestantischen Kirchen einen beneidenswerten geistigen Freiraum, den es in der katholischen Kirche nun einmal nicht gibt. Man vergleiche nur das eben publizierte, erneut klerikale, autoritäre und zentralistische Kirchenrecht mit der evangelischen Kirchenordnung.

Auch geheime Lehrprozesse, die jeglicher Rechtlichkeit spotten und geistlichen Amtsmißbrauch darstellen, kennt man heute in den protestantischen Kirchen nicht mehr. Man nützt dort auch das Hitler-Konkordat und die vom Staat eingetriebene Kirchensteuer nicht so bedenkenlos aus, um mit Hilfe von staatskirchenrechtlichen Konstruktionen vom Kindergarten über die theologischen Fakultäten bis zu den katholischen Krankenhäusern rechtlich so etwas wie einen Staat im Staat zu kultivieren.

Man kann der protestantischen Kirche auch nicht vorwerfen, sie halte sich im eigenen Bereich nicht an jene Menschenrechte, deren Einhaltung sie nach außen so lautstark von anderen fordert. Es hat schon seinen Grund, daß der Vatikan – sogar bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa dabei – die europäische Menschenrechtsdeklaration noch nicht unterschrieben hat; man müßte da im Kirchenrecht allzuviel ändern, kann man von Fachleuten hören. Und wie wenig Respekt deutsche katholische Bischöfe vor der Freiheit von Forschung und Lehre im Zusammenhang von Berufungen und Habilitationen in katholisch-theologischen Fakultäten haben und in welch entwürdigender Weise man Kandidaten nach ihrer Orthodoxie abfragen kann, wissen leider nur die Eingeweihten.

Nein, es ist kein Zufall, daß auch in der katholischen Theologie der Bundesrepublik zur Zeit nur wenig Kühnes und Zukunftsweisendes publiziert wird; man hat schlicht wieder Angst vor Repressalien, wenn man zu Fragen wie katastrophaler Priestermangel (mit dem Zölibat eng verknüpft), ökumenische Stagnation (noch immer keine Anerkennung der protestantischen Ämter und Abendmahlsfeiern), Papalismus (von der Unfehlbarkeit bis zum neu aufgebrochenen Personenkult) oder zu ungleich bedeutenderen und schwierigeren Fragen auch der Christologie das sagt, was man denkt, und das schreibt, was man sagt. Jedenfalls sage niemand, man hätte in Rom und anderswo die Inquisition abgeschafft, nur weil der Name des "Sanctum Officium Santissime Inquisitionis" in "Heilige Kongregation für die Glaubenslehre" umgeändert, man sanfter redet, und die physische Verbrennung durch die psychologisch-moralische ersetzt wurde. Stephan Pfürtner, Jacques Pohier, Leonardo Boff, Edward Schillebeeckx und andere wissen, wovon ich rede. Und doch – soll ich deshalb nicht mehr katholisch sein? So einfach ist das nicht.

Gewiß, ich leide mit vielen Katholiken in Deutschland und anderswo unter dem autoritären römischen System: Aber ist denn in den evangelischen Kirchen die "Freiheit eines Christenmenschen" glaubwürdig verwirklicht? Gibt es dort – auch davon könnten bestimmte Theologieprofessoren lange reden – statt der Inquisition von oben nicht oft eine Inquisition von unten und statt der Anpassung an römische Richtlinien eine Anpassung an Trends in der jeweiligen Landeskirche?