Von Ulrich Schiller

Washington, im Oktober

Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen ...“ Diesen Trost gibt es in allen zivilisierten Ländern der Erde. Kriegerwitwen mehrerer Generationen haben ihn gelesen, erstarrt und fassungslos; denn das Schreiben, das so beginnt, wird ja gebracht; nicht vom Postboten, sondern von einem oder mehreren Offizieren, und manchmal erscheinen dunkel gekleidete Herren mit der ihrem Auftrag gemäßen feierlichen Trauermiene. Dann sagen sie noch etwas von der Bedeutung des Auftrages, von der Größe des Opfers und wie es seinen Sinn habe vor der Geschichte. Danach bleiben junge Frauen, Mütter und Väter meist allein mit ihren Tränen – nicht immer, freilich, und erst recht nicht in Amerika, wo das Fernsehen täglich seine Kronzeugen der Zeitgeschichte braucht.

Am Montag, am ersten Tag nach der Bluttat von Beirut, begann das Pentagon mit der Benachrichtigung der Angehörigen. Am Montag abend sah es die Nation wieder auf dem Bildschirm, was doch seit Vietnam vergangen und vergessen schien, und was in den nächsten Tagen immer wiederkehren wird: das vom Schmerz zerrissene Gesicht einer Frau, das tonlose Schluchzen einer Mutter, die von Tränen erstickte Stimme eines Vaters: „Ich konnt’ ihn nicht halten, er wollte doch so gerne ein marine sein.“

Auch um diejenigen, die in quälender Ungewißheit weiter warten müssen, kümmert sich das Fernsehen. Breitrandige Photos mit blutjungen Gesichtern unter der weißen Tellermütze werden von der Kommode genommen, Briefe – „vielleicht war es der letzte“ – aus der Schatulle gezogen, und das ganze Land erfährt, was der eine oder andere (und wahrscheinlich waren sie gar keine Ausnahmen) nur der Familie anvertraut hat: „Warum sind wir eigentlich hier? Wenn wir doch wenigstens einen Sinn darin erkennen könnten...“ Oder: „Ich kann es kaum noch erwarten, nach Hause zu kommen.“ Oder auch: „Ich habe Angst.“

In den Trümmern der Unterkunft für die amerikanischen Marinekorps-Soldaten wurden auch alle Personalakten und Mannschaftslisten begraben und vernichtet. Nicht wenige hatten zum Schlafen offenbar ihre Erkennungsmarke abgelegt. Die Identifizierung der Toten ist deshalb in vielen Fällen schwierig. Unablässig stiegen auch die Zahlen. Als der neue Sicherheitsberater Robert McFarlane, selbst ein ehemaliger Marinekorps-Offizier, Präsident Reagan am Sonntag morgen um 2.27 Uhr in einem Golfclub-Hotel im Staate Georgia weckte, da lautete die erste Nachricht aus Beirut: „Vermutlich 70 Tote.“ In den Frühnachrichten des Rundfunks um acht Uhr waren es 76, um elf Uhr 113, um 18 Ufer 146, bis Montag abend kletterte die Zahl auf 191, stieg weiter...

Es wird weit länger als eine Woche dauern, bis alle Toten wieder einen Namen haben, bis alle Angehörigen benachrichtigt sind. Inzwischen werden Särge ankommen, Soldaten schießen über frischen Gräbern Salut, und mit Hilfe der allgegenwärtigen Medien wird ganz Amerika dabei sein. Niemand vermag im Augenblick zu sagen, wie die Psyche der Nation diese Bilder verkraftet.