Ist das Glück in der Ehe machbar? – Zweifel an einer neuen Theorie

Von Dieter E. Zimmer

Der Londoner Psychologe Hans Jürgen Eysenck hat, vor allem auf dem Gebiet der Persönlichkeitsforschung, eine wissenschaftliche Arbeit geleistet, die aus der heutigen Psychologie überhaupt nicht mehr wegzudenken ist. Er hat sich auch nie gescheut, sich in die Nesseln zu setzen – nämlich Dinge zu denken, die jeder rechtschaffene Intellektuelle zu denken sich verbietet. Und er hat immer wieder alles so gesagt, daß jedermann ihn verstehen konnte. Für viele Leser ist er so Mr. Psychology persönlich geworden; für andere jener ärgerliche Kerl, der mißliebige – gegen die grassierende Gleichheitsideologie, die Psychoanalyse, die Wissenschaftsfeindlichkeit gerichtete – Argumente auch noch öffentlich ausplaudert.

Mit seinem „Partnerbuch“ (erschienen im Verlag Molden-Seewald, 29,80 DM) hat er sich auf für ihn neues Terrain begeben. Der Untertitel lautet „Anleitung zum Glücklichsein“ und meint das nicht ironisch, so als wäre Eysenck auf seine älteren Tage doch noch weich geworden und zur Briefkastenonkel-Psychologie übergewechselt. Er ist es nicht, und wer sich von ihm eine Reparaturanleitung zur Behebung der Defekte in seinem Eheglück erhofft, geht leer aus. Aber zu denken mag ihm auch dieses „leichte“ Buch genug geben.

Eysenck kann eine vernichtende Bissigkeit entwickeln, aber er ist das Gegenteil von einem Radikalen. Er baut nicht seine persönlichen Vorlieben und Abneigungen zu einem System aus und nennt das dann „Theorie“, er beschäftigt sich mit dem, was die Menschen tatsächlich tun und sind. Also gibt es bei ihm auch keine jener begehrten tiefgründigen Überlegungen für oder gegen die Ehe. Er nimmt sie als gegeben. Immer und überall haben sich Frauen und Männer zu dauerhaftem gemeinsamen Leben zusammengetan, ob nun formlos oder zeremoniell, ob monogam oder polygam oder in der Form, auf die der Westen de facto zustrebt: der sequentiellen Monogamie (ich kenne Leute, für die es schon eine Erleichterung bedeutet, daß das, was sie zu leben im Begriff sind, einen Namen hat). „Ehe“ im weiten Sinn hat nie Anstalten gemacht, irgendwelchen Abschaffungsversuchen zu weichen, macht auch heute keine. Sie paßt sich, knirschend und krachend und unter allgemeinem Hallo, nur immer wieder neuen Umständen an. Eysenck scheint es für Kinderkram zu halten, nachzugrübeln, ob die Menschheit ohne Ehe nicht doch glücklicher wäre, das überläßt er den Sozialphilosophen. Ihm genügt: die Menschen verehelichen sich unaufhaltsam, sie können in einer Ehe noch so furios scheitern – die meisten ziehen daraus nur den Schluß, daß sie schleunigst die nächste benötigen.

Um herauszufinden, was die Menschen tun und sind, verläßt Eysenck sich weitgehend auf die Korrelationspsychologie. Diese mißt zunächst einmal alles irgend Interessante, zum Beispiel Persönlichkeitsmerkmale wie „Ausdrucksfähigkeit“ oder „Geselligkeit“. Dann gibt sie die Meßreihen einem Rechner ein und läßt ihn herausfinden, ob irgendeine Übereinstimmung zwischen ihnen besteht (in der Art: je ausdrucksfähiger, desto geselliger) und ob das auch bloßer Zufall sein könnte. Alles läßt sich mit. allem korrelieren, auch die Größe der Ohrläppchen mit der Häufigkeit des Partnerwechsels. Manchmal scheint das Ergebnis banal, denn alle Welt hatte es schon vorher gewußt, manchmal verblüffend, immer aber so notwendig (denn niemand konnte vorher sicher sein) wie irgendwie schal und flach. Das liegt wohl daran, daß eine Korrelation nichts über die Ursache verrät: das erste Merkmal kann das zweite bewirkt haben, aber auch das zweite das erste, oder beide können die gemeinsame Produktion eines unbekannten dritten sein. Die Korrelationspsychologie kann sagen: es verhält sich so oder so; aber warum irgend etwas sich so verhält, darüber schweigt sie.

Worin sich Partner gleichen