ARD, Donnerstag, 20. Oktober: „Gefühlssachen: Einsamkeiten“, Film von Elisabeth Montet

Nicht in den „Tagesthemen“ oder in „heute“, nicht in teils freundlichen, teils arroganten Kommentaren, sondern dort, wo man’s zu allerletzt vermutet hatte, wurde das Fazit jener Friedensaktionen gezogen, die in der vergangenen Woche begannen (begannen, wohlgemerkt): in einer nachmittäglichen Sendung, die von der Einsamkeit handelte. Ein Kind, eine junge Frau, alte Menschen: isoliert in ihrem Für-sich-Sein oder in wortlos gewordener Ehe machten deutlich, was es bedeutet, aus allen sozialen Zusammenhängen hinausgehoben zu sein, und wieviel es kostet, im Zustand der Kommunikationslosigkeit, immer solitaire und nie solidaire, einen Rest von Mut zu bewahren.

Da wurden nicht, in üblicher Weise, Menschen befragt, wurde nicht das in zusammenhängender Rede Geäußerte zerschnipselt und willkürlich wieder zusammengeleimt; da ergab sich vielmehr ein Wechselspiel von Aussage und Deutung, persönlicher Stellungnahme und resümierender Interpretation. Die Analytiker, die über das von langer Selbsterfahrung zeugende Bekenntnis hinausgingen, waren – die Pointe des Films! – ein zehnjähriges Mädchen und ein Schriftsteller von Rang, Robert Jungk. Das Kind („oft setz’ ich mich hin auf den Stein, mitten unter den anderen und denk’ nach, warum ich immer so allein bin“) und der Publizist zogen das Fazit, sprachen vom Selbstmord (Jungk: „Die letzte große Sackgasse“; das Mädchen: „Da sitze ich lieber ganz still in der Ecke und warte, daß der Tod von selber kommt“), nannten die Angst beim Namen, die Isolation unter den vielen und beschrieben das Verlorensein inmitten einer Welt, wo Gehorsam, persönliche Effizienz und ein klares Freund-Feind-Bild verlangt wird.

Und dagegen nun, so Robert Jungks Argumentation, die Friedensbewegung als Hoffnung der Vereinsamten – eine Bewegung, in der, als Wichtigstes, der Generationskonflikt beinahe spielerisch ad absurdum geführt wird, weil, anders ab in der auf Wettbewerb eingerichteten Konkurrenzgesellschaft, Freundlichkeitherrscht und Gemeinsamkeit, die keine Feinde braucht, um sich zu realisieren.

Die Friedensbewegung als Widerpart einer Einsamkeit, die sich in eingedrillter Verpflichtung auf sogenannte alte Tugenden und Werte rapide vergrößert: Es war Robert Jungks Verdienst, darauf hingewiesen zu haben, was heute Millionen von Menschen auch auf die Straße treibt – das Bedürfnis, Formen des Miteinander zu praktizieren, die im wiedererstandenen Obrigkeitsstaat nicht mehr gestattet sind: Mahnwachen für den Frieden auf dem Pausenhof als Sünde wider den Geist des Duodezfürstentums!

Und dagegen nun das unreglementierte Treiben jener Hunderttausende, die in dieser Woche aus Politikermündern unter dem Begriff „die Straße“ in Mißkredit gebracht werden sollten. „Die Straße“: das klang nach Herrenreitersprache und Kasinogenäsel – und nach Torheit dazu. Denn schließlich war es „die Straße“, die 1848 für demokratische Freiheiten kämpfte, es war „die Straße“, die am 17. Juni 1953 für mehr Gerechtigkeit demonstrierte, und es ist „die Straße“, die heute, um des Überlebens willen, einen Satz wieder in Geltung zu bringen sucht, der während der Atomdebatte in den fünfziger Jahren von einem besonnenen und keineswegs radikalen Abgeordneten geäußert wurde: „Ein Parlament, das nicht bereit ist, die Wahrheit über die Lage des Volkes zu hören, begibt sich des Rechtes, über das Geschick dieses Volkes zu entscheiden.

Gedanken beim Anschauen einer Sendung am Rande, die, ganz unvermutet, ins Zentrum von Überlegungen führte, die den Friedenselan dieser Woche miterklären. Den Elan der Straße, auf der sich’s wohler als im Herrenklub sein läßt.

Momos