Paris, im Oktober

Seit Sonntag mittag weht im Kasernenhof des Ersten Fallschirmjägerregiments in Pau vor der noch grünen Kulisse der Pyrenäen die Trikolore auf Halbmast: 96 Soldaten der 3. Kompanie sind in Beirut eingesetzt, über 60 von ihnen wurden im Hauptquartier der französischen Truppen von dem Kamikaze-Kommando überrascht, das sich selbst und die Soldaten mit einem Lastwagen voll Sprengstoff in wenigen Sekunden unter den Trümmern des achtstöckigen Gebäudes begrub. Die meisten ihrer Namen finden sich in der Liste der 38 Toten und 20 Vermißten, die bis Dienstag abend ermittelt wurden.

Mit den 96 Soldaten aus Pau, die seit einigen Wochen erst das französische Kontingent der Multinationalen Friedenstruppe im Libanon verstärkten, hat es eine besondere Bewandtnis. Es sind keine Berufssoldaten, wie die Angehörigen der Fremdenlegion, die gewöhnlich den größten Anteil bei Einsätzen außerhalb der französischen Grenzen stellen. Es sind Rekruten des gerade eingezogenen Jahrgangs. Sie haben sich freiwillig zu einer Dienstzeit von 18 Monaten statt der gesetzlichen zwölf Monate verpflichtet, um in einer Fallschirmeinheit dienen zu können. Der Kompaniechef hat ihnen vor zwei Monaten eröffnet, daß ihre Einheit ausgesucht worden sei, die französischen Verbände der Multinationalen Friedenstruppe zu verstärken. Sie hatten einen Monat Zeit, um sich dieser Kommandierung zu entziehen, die mit verschiedenen Zulagen, insgesamt mit einer ganz wesentlichen Aufbesserung ihres Wehrsoldes verbunden war und die einen freiwilligen Charakter haben sollte. Knapp zwei Dutzend blieben lieber in Pau, meist aus privaten Gründen.

Als François Mitterrand am Sonntag morgen um sieben Uhr mit der Unglücksnachricht geweckt wurde und bald darauf einen „kleinen Krisenstab“ im Elysee versammelte, war ihm bewußt, daß er als Oberkommandierender der Streitkräfte nicht nur symbolisch die Verantwortung trägt, wenn Soldaten eingesetzt werden. Ihre ausschließliche Befehlsgewalt über die Atomwaffen hat die französischen Staatspräsidenten eng an alle militärischen Planungen und Entscheidungen herangeführt. Die Tatsache, daß hier Rekruten bei einer Friedensmission in den Tod marschierten, mußte außerdem die Bevölkerung tief erschrecken. Verteidigungsminister Hernu wurde schnell zu den Einheiten im Libanon entsandt. Bald stand auch fest, daß Mitterrand selbst das Schlachtfeld Beirut aufsuchen werde. Um ein Uhr nachts trat er die Reise an, um sieben Uhr Ortszeit traf er in Beirut ein – der erste französische Staatspräsident, der das Land besuchte, bei dessen Gründung Frankreich Pate gestanden hatte und das bis heute von ihm als ein legitimer Erbe seiner kulturellen Tradition verstanden wird.

Außer der Verantwortung für die Soldaten sprach dafür noch die Bewertung des ungewöhnlichen Überfalls. Es war klar, daß hier Mittel eingesetzt waren, die die logistischen Möglichkeiten einzelner Terrorgruppen weit überschritten. Es handelte sich vielmehr, so die französische Überzeugung, um eine Drohung von Staat zu Staat. Also verlangte die Staatsraison eine klare Antwort. Mitterrand fand, er gebe sie am besten selbst. Als er am Montag abend nach achtstündiger Inspektion vor Ort wieder in Paris landete, faßte er sie unter anderem in folgende Worte: „Ein Land ist groß durch seine seelische Kraft, durch seine Entschlossenheit wie durch die Freundschaft und Achtung, die es sich verdient. Darum bleibt Frankreich im Libanon, und darum wird es seiner Geschichte und seinen Verpflichtungen treu bleiben.“

Das Echo zeigte, daß er den richtigen Ton getroffen hatte. Selbst die kommunistische Humanite, die vor Wochen den Libanon-Einsatz kritisierte, weil sich „Frankreich in einen Bürgerkrieg hineinziehen lasse“, hielt sich diesmal mit Kritik zurück. Alle anderen politischen Lager stimmten ausdrücklich zu. Die einen begrüßten gleichzeitig das stärkere Heranrücken an die USA, die anderen nahmen es als unvermeidlich hin. Frankreich sei eben kein kleines Land, meinte Jean-Pierre Chevenement, der Linksaußen in Mitterrands Sozialistischer Partei. Vielleicht übersteige die Verantwortung, die es noch trage, gelegentlich seine Kräfte. Dann müsse es eben „dafür Opfer bringen“.

Presse und Rundfunk greifen solche Töne auf und untermauern sie mit Auszügen aus letzten Briefen der Gefallenen, mit Abschiedsworten der Eltern, mit der Versicherung des Kommandeurs: „Sollte sein Regiment aufgefordert werden, den Ersatz zu stellen, er sei überzeugt, alle würden sich freiwillig melden.“ Es weht etwas wie Mobilmachung durch Frankreich...