ARD, Mittwoch, 9. November, 20.15 Uhr und Sonntag, 13. November, 21.10 Uhr: "Bruder Martin", Fernsehfilm in zwei Teilen von Alexandre Astruc und Roland Laudenbach. Regie: Jean Delannoy

Willkürherrschaft – das ist, wenn eine fürstliche Jagd durch den Wochenmarkt galoppiert ("Hussa, hussa") und wir in Großaufnahme kaputte Eier in gestürzten Körben sehen. Geistliche Despotie hinwiederum ist ein überaus klotziger Ring auf Papstes Hand; die Arroganz der Kirche wird durch wegwischende Bewegungen einer lila behandschuhten Hand dargestellt und durch einen Näselton. Und Luther sieht aus wie einer jener gutrasierten Franzosen aus frühen Truffaut-Filmen. Ihm beigesellt ein anderer Mönch mit vorhängenden Lippen und Schrägaugen; er wird sich bald ab getretener, schnappender Wurm enthüllen, auf daß unser Faust seinen Mephisto habe.

Tetzel tritt auf: ein blöder Schmierant, dreist und seifig grinsend, eine Knalltüte. Das Volk lacht auf Statistenkommando und macht unisono "Oh" und unisono "Ah", ohne daß uns ein Grund auffiele. Von Wittenbergs Kanzel beugt sich ernst Martinus Luther und ruft: "Ich will euch beunruhigen!", und dazu zeigt die Kamera Reihe um Reihe Statisten, die ruhig in dicken Kostümen dösen. War Luther ein rhetorischer Stümper?

Zu seinem Ordensoberen Staupitz sagt er: "Warum zürnt uns Gott? Ihr wißt es grad so wie ich." Und Staupitz (immerhin Georges Wilson) nickt sacht, nur wir wissen es nicht, nicht mal, daß er zürnt, geschweige denn wieso. Einmal muß er die Seelenmesse lesen für einen Gehenkten, den er absolviert hatte, und da stürzt er nun – "Herr, ich bin nicht würdig" – ohnmächtig vornüber und der Kelch ergießt seinen Rotwein (rot?) aufs Altarlinnen: Großaufnahme, toll!

Später wird man ihn am Stehpult in der Druckerei sehen, wie er einen Federkiel hält, und vor der Schloßkirche, wie er einen Hammer hält, dann vor Kaiser und Reich, wie er eine Rede hält und erklärt, daß er hier stünde und nicht anders könne. Hatten wir auch nicht anders vermutet bei so einem Kaliber. Längst kannten wir ja seinen Mönchesstolz vor Fürstenthronen, hatte er doch früh schon einen Herzog (der ihn fabelhaft fand) mit dem Hinweis beschieden, ihm seien "andere Dinge wichtiger, nicht Euer erbärmlicher Ehrgeiz. – Geht!" Und seinen Kurfürst, der ahnt "Alle werden sich erheben und rufen Freiheit, Freiheit‘", herrscht er an: "Ich fürchte nur Gott und sonst nichts!" So einer ist unser Martinus Luther. Kaum sieht er einen Jung-Bruder beim Baumfällen, da fällt ihm ein: "Du willst die Sünde mit der Wurzel ausrotten"; wie er überhaupt gern als Sokrates unter Leute tritt und klugschnackend gegen menschliche Dummheit redet, süffisant und stolz.

Mit einem Wort, dieser "Bruder Martin" aus Frankreich ist ein furchtbarer Zweiteiler, bei dem eigentlich nichts stimmt und das Falsche noch nicht mal gut gemacht ist. Die Atmosphäre falsch, die Historie verfälscht, die Figuren daneben (das Bürgermädchen argumentiert wie ein adlig studiertes Fräulein über Gottes Gerechtigkeit; Luther jagt auf fliegenden Gäulen, wo er doch bis Rom und Worms zu Fuß ging die Klöster sind noch gotisch streng und voll gregorianischer Choräle, wo doch Zügellosigkeit und Chaos herrschten; und Bruder Martin redet irre: über ein ungetauft verstorbenes Kind zum Vater: "Unglücklicher, dann ist es zweifach tot. So wird Gott es doppelt lieben" – ja, was nun?). Man weiß nicht, was und warum und wo, man sieht Wiesen und Kostüme und einen markigen Franzosen, der sich Martin nennt.

Geschrieben haben es Alexandre Astruc und Roland Laudenbach, gedreht hat es Jean Delannoy, gezeigt wird es in der ARD, als Hauptbeitrag zu Luthers 500. Geburtstag. Und er kann nicht mehr dagegen anreden mit seinen kräftigen Worten. Michael Skasa