Es scheint fast unmöglich, über diesen Film zu schreiben. Er selber macht überhaupt keine Worte (jedenfalls kein einziges gesprochenes, nur einige im dunklen Chorgesang einer alten Indianersprache). Und wer viele Worte um „Koyaanisqatsi“ (schon beim Schreiben des Titels gerate ich ins Stocken), machen will, muß sich zunächst wohl, mit den vollmundigen Adjektiven der Überwältigung behelfen: hinreißend, faszinierend, phantastisch, einmalig. Das sagt nicht viel. Das spricht allein von jenem seltsamen rauschartigen Zustand, den dieser Film, einer Droge gleich, sogar in den Köpfen von Skeptikern auszulösen vermag. Wie schreibt man über einen Trip?

Wenn das allseits mißbrauchte Etikett vom „Kultfilm“ je einen Sinn haben könnte: In „Koyaanisqatsi“ kommt man ihm auf die Spur. Der Kino-Besuch wird zur kultischen Handlung für die Initiierten, zum Götter-Dienst für die Heiden der Städte. Schade, daß Carlos Castaneda nicht mehr dabeisein kann.

Francois Coppola, der Napoleon des Kinos, hat „Koyaanisqatsi“ in den USA herausgebracht: auch er ganz im Banne der monumentalistischen Gebärde, mit der drei Männer (der Regisseur Godfrey Reggio, der Kameramann Ron Friede, der Komponist Philip Glass) ein Klagelied auf den endzeitlichen Verfall unserer guten Erde anstimmen. Kein anderer Film des so perfekt zur neuesten Stimmung des Westens wie dieser (an dem sieben Jahre lang gearbeitet wurde). Der Titel, aus der Sprache der Hopi-Indianer, hat fünf Be-Aufruhr; verrücktes Leben; Leben in Aufruhr; Leben in Auflösung; einem Indem Gleichgewicht; Leben in einem Zustand, der nach Veränderung ruft.

Nichts gegen die Hopi-Indianer. Sie haben der Welt so kluge Prophezeiungen wie diese geschenkt: „Wenn wir die Schätze der Erde ausgraben, werden wir Verderben heraufbeschwören. Erhard Eppler sagt nichts anderes. Ich persönlich bin auch gegen den sauren Wald. Ich bin allerdings nicht völlig sicher, ob ich wirklich für „Koyaanisqatsi“ bin. Der monumentale Bilderbogen zeichnet sich durch eine gewisse monumentale Schlichtheit aus.

Erst kommt die Schönheit der Natur. Der amerikanische Südwesten in seiner ganzen rotschimmernden Pracht, vom Flugzeug aus mit majestätischen Totalen eingefangen: Manchmal erinnerte mich dieser Anfang fatal an eine Zigarettenreklame („Ernte 23 zeigt Ihnen die schönsten Flecken der Welt“). Dann geht, nach ungefähr zwanzig Minuten, das Unheil los. Riesige Bagger kommen ins Bild, nagen dämonisch am Idyll, und schon sind wir in den bösen Städten, die bekanntlich nur aus Slums, Gewalt, buntem Plastik-Horror und permanentem Verkehrschaos bestehen.

An den Zeichen der Dekadenz und des Untergangs weidet sich „Koyaanisqatsi“ eine gute Stunde lang: fast immer aus der Vogelperspektive (also aus der ungenauesten), ganz selten aus einer Nähe, die mehr erlauben würde als die Reproduktion von – brillant photographierten, rasant montierten – visuellen Schablonen vom unaufhaltsamen Niedergang der Zivilisation. „Koyaanisqatsi“ ist ein ziemlich dummer, ziemlich menschenverachtender Film: beliebige Fortschritts-Kritik (die plakativer nicht sein könnte) aus der wolkigen Höhe einer fernen Mythologie.

Das schreibe ich jetzt. Als ich den Film sah, war es auch um mich nach einer Weile geschehen. Mit der Kamera flog mein kleiner Verstand davon. Die unendlich suggestive, gar nicht mehr so minimalistische Musik von Philip Glas versetzte mich in einen Zustand wohligen Schauderns, kosmischer Übereinstimmung mit den unsichtbaren Genies, die meinen Blick fesselten und lenkten. Ich fand es ganz toll, unirdisch, geradezu sakral.