Die Tafel an der Burgmauer ist schon etwas verwittert, die Schrift aber immer noch gut lesbar: "... wohnte hier der preußische Ministerpräsident Hermann Göring". Nanu, fragt sich der verunsicherte Zeitgenosse, den Posten hatte er auch? Ebensogut könnte Hitler in den Geschichtsbüchern als braunschweigischer Regierungsrat Platz nehmen, was ja stimmt und jederzeit durch die Ernennungsurkunde nachgewiesen werden kann. Für die Leute drunten in Neuhaus an der Pegnitz ist und bleibt der Reichsmarschall einfach "der Hermann", so wie einer, der ein paar Häuser weiter gewohnt hat und jetzt nicht mehr lebt. "Der Hermann", so erinnert sich Vizebürgermeister Andreas Laus, "der war ja bis zum 17. April ’45 auf Veldenstein. Und die Emmi ist mit der kleinen Edda ins Forsthaus Sackdilling übersiedelt, als die Amerikaner anrückten."

Damals tauchten auch erstmals Gerüchte über einen angeblichen "Göring-Schatz" auf. Schließlich waren sieben Lastwagen vollbeladen von Karinhall eingetroffen und nur fünf hatten die Weiterfahrt nach Oberbayern angetreten, wo Hermann G. die letzten Tage des tausendjährigen Reichs zu verbringen gedachte. Die polnischen Zwangsarbeiter jedenfalls, die auf Burg Veldenstein Frondienste leisten mußten, wollten SS-Männer beim nächtlichen Buddeln gesehen haben. Das genügte, um die US-Befreier in einen hitzigen Goldrausch verfallen zu lassen. Mit Preßluftbohrern und Pickeln wurde die riesige Burganlage der Bamberger Fürstbischöfe umgespatet, jede Wand und jede Decke abgeklopft. Verglichen mit dem Aufwand war die Beute eher kläglich: fünf Kisten mit Cognac, Wein und Sekt aus den Beständen des Oberbefehlshabers der Luftwaffe. Dazu 36 Tischleuchter, die nicht nur häßlich, sondern zur allgemeinen Enttäuschung auch noch aus Messing waren. Vom "Göring-Schatz" keine Spur.

Nun locken ja vergebliche Schatzsuchen erst recht weitere Goldgräber an, weil es möglicherweise doch noch etwas zu finden gibt. Der fränkische Muschelkalk unter Burg Veldenstein kam jedenfalls bis heute nicht zur Ruhe, auch wenn der Elan der Glücksritter in letzter Zeit etwas nachgelassen hat. "Voriges Jahr haben wir im Zwinger neue Platten verlegt und sind dabei auf einen Betonsockel gestoßen," erzählt Andreas Laus, der auch Pächter der Burg ist. "Da hat’s dann doch wieder gekribbelt." Als sich das Kribbeln legte und der massive Klotz zu Pulver zerstoßen war, mußte Laus wieder einmal "Fehlanzeige" melden. "Das macht nix. Aufregend war’s schon und man weiß ja nie."

Solche Mißernten halten die schatzsuchenden Kleingärtner nicht ab, mit Metallsonden und Wünschelruten in der Fränkischen Schweiz ihr Glück zu zwingen. Schließlich wurde bei Kriegsende im Tunnel von Velden der Sonderzug des Reichsmarschalls von befreiten Zwangsarbeitern geplündert. Das behauptet jedenfalls Vizebürgermeister und Burgbesitzer Laus, der auch Brauereibesitzer ist. Und ausschließen mag niemand in Neuhaus, daß da manches verlorenging oder schnell verbuddelt wurde. Außerdem profitiert der Fremdenverkehr nicht schlecht vom Schatzfieber, was wiederum den Bierausstoß der Kaiser-Bräu in Neuhaus positiv beeinflußt. So sind die Leute im Pegnitztal eigentlich gar nicht unzufrieden mit der Hinterlassenschaft des dicken Hermann. Nur dessen Tochter Edda, die heute in München lebt, will von Veldenstein nichts mehr wissen. "Lassen Sie mich mit der Burg in Ruhe", bat sie vor einiger Zeit den Brauer, "ich habe nur schlechte Erinnerungen an diese Zeit."

Für den Schullehrer Andreas Dimler ist die ganze Sache insoweit ärgerlich, als der einzige Schatzfund, den man auf Veldenstein tatsächlich gemacht hat, spurlos verschwunden ist. "Ich glaube, es war 1972, als die Burg durch einen Beamten der bayerischen Liegenschaftsverwaltung inspiziert wurde. Dabei fanden sich im westlichen Zwinger Teile eines romanischen Kreuzgangs aus Süditalien. Man hat die Marmorsäulen und Kapitelle auf Lastwagen verfrachtet und fortgeschafft. Ob der Kreuzgang irgendwo wieder zusammengesetzt und aufgebaut wurde, weiß ich nicht."

Für Andreas Laus steht fest, "daß der Hermann die numerierten Steine aus Italien hat heranschaffen lassen. Der wollte den Wehrgang nach dem Krieg in seine Burg einbauen. Das wäre eine riesige Attraktion geworden." Laus glaubt auch zu wissen, wo sich die kostbaren Stücke heute befinden. "Die sind nach Nürnberg gebracht worden, das ist ganz sicher."

Quasi im Austausch kam eine Bronzeplastik aus dem Jahre 1935 nach Veldenstein, die bei älteren Gästen des Burghotels (in einigen Räumen der Burg kann man Quartier nehmen) gewisse Erinnerungen weckt: ein HJ-Trommler in voller Wichs, die Augen geradeaus, das Schiffchen verwegen auf der damals beliebten Kurzhaarfrisur. "Der gehört einem Gasthaus Nürnberg, erzählt Hotelier Anno Heigl, "der hat uns den Pimpf sozusagen als Leihgabe vermacht." Früher habe der Trommler zum Inventar des Reichsparteitagsgeländes gehört, da gebe es für ihn keinen Zweifel Und gestört habe sich an der Plastik bisher auch noch kein Gast. "Das ist doch alles schon so lange her."