Von Rolf Michaelis

Ein Buch, so still, daß man die Schreie hört, die da verschluckt werden. Eine Frau von vierzig Jahren, Ärztin an einem Krankenhaus, geschieden, zwei Abtreibungen, lebt so für sich und vor sich hin. Sie lernt einen etwas älteren Mann kennen, einen Architekten, hat ein Jahr lang mit ihm, was unser bis aufs grob Ökonomische heruntergekommener Sprachgebrauch "ein Verhältnis" nennt – und ist wieder allein: Ein siebzehnjähriger Wirtshausgast erschlägt den Mann, der sein Vater sein könnte, "nur so", während einer der allnächtlichen, sinnlosen Kneipenprügeleien.

Die Ich-Erzählerin, aus deren Erinnerung wir die Geschichte kennenlernen, spricht ein halbes Jahr nach der Beerdigung des Freundes so: "Es geht mir gut oder doch zufriedenstellend. Ich vermisse nichts... Wünsche hohe ich nicht mehr viele, und ich weiß, ich werde sie mir nicht erfüllen können ...Es geht mir gut... Mir geht es glänzend ... Ich habe wieder einen Freund Alles was ich erreichen konnte, habe ich erreicht. Ich wüßte nicht, was mir fehlt. Ich habe es geschafft. Mir geht es gut."

So wortreich ist liebearmes Leben selten definiert worden. Mangel – beschrieben als Verlangen. Leere – zugestopft mit Wörtern der Fülle. Lebensverfehlung – vorgeführt als Daseins-Glück. Nein zur Existenz – ausgesprochen in Ja-Vokabeln.

Eine junge Frau, ein "Kammerkätzchen", wie man Zofen damals nannte, läßt Lessing in seinem Lustspiel "Minna von Barnhelm" vor zweihundert Jahren ein paar Sätze sagen, die mehr Menschenkenntnis verraten als manche Lehrbücher der Seelen-(Heil-)Kunde oder als viele der trostlos banalen "Fallbeschreibungen", die dem Leser einreden wollen, er sei ein kleiner Sigmund Freud. Franziska, Minnas sächsisches Zimmer-"Mädchen", vom Leben mehr gebeutelt als ihre verliebte "Herrin" gleichen Alters, gleicher Jugend, klärt das gnädige Fräulein auf: "Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule ... Man spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto öfter von der, die uns fehlt."

Wovon spricht, wovon schweigt die nicht mehr ganz junge Medizinerin, deren Name, Claudia, auf ihr verschlossenes, verschwiegenes, verschweigendes Wesen hinweist, wenn sie von Zufriedenheit und Wohlergehen und Erfolg tönt?

So viele Ausdrücke der Verneinung und Verweigerung wird man in einem schmalen Band nicht gleich wiederfinden. Der Erzählfluß staut sich immer wieder an einem Wehr aus Wörtern, die mit den abweisenden Vorsilben "un-", "ver-" oder "zer-" einen Wall gegen die Versuchungen des Lebens, der Lebensfreude aufschütten: "umsonst", "unansprechbar", "unzufrieden", schüttelte den Kopf", "unangenehm", "unglücklich", "nie verstanden "niedergeschlagen", "verraten", "unentschlossen", "verweint", "unansprechbar". Und immer wieder die müde gekeuchte Silbe für den großen Frust: "(weiß) nicht, (will) nicht, (kann) nicht".

Wann haben wir in den letzten Jahren eine so überzeugende Erzählung über die Entfremdung im Kapitalismus gelesen? "Dann sprach er über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, sich miteinander zu verständigen.. Ich will nicht mehr Tag für Tag in fremde Gesichter starren, die nur deswegen zu mir gehören sollen, weil es immer die gleichen sind... Ich ziehe das diskretere Verhältnis zu den Möbeln in meiner Wohnung vor..."

Nun hat diese zugleich niederschmetternde und (weil in Sprach- und Dichtkunst verwandelte) aufbauende Erzählung aber ein Autor geschrieben, der in der DDR lebt. Je genauer man die Geschichte einer Lebensverhärtung liest, desto rätselhafter werden alle Entscheidungen der Kulturbehörde des anderen deutschen Staates. Einen (wie immer betrübten) Frohsinns-Sänger wie Wolf Biermann nicht in "sein" sozialistisches Heimatland zurückkehren lassen, aber einen Erzähler wie Christoph Hein, 1944 in Heinzendorf in Schlesien geboren, nicht nur im "realen Sozialismus" leben, sondern auch schreiben, ja, publizieren lassen: wie geht das zusammen?

Christoph Hein hatte und hat Schwierigkeiten, seine Stücke in der DDR gespielt zu sehen. Die kritischen Worte über die trostlosen Zustände in der DDR lesend, fragt man sich, weshalb die mit der Zensurschere lesenden Beamten diese Erzählung nicht zusammengeschnipselt und den Autor in den Westen abgeschoben haben.

Wieviel richtiger ist der Titel der DDR-Ausgabe – "Der fremde Freund" – als der westdeutsch platte "Drachenblut", der die Erzählung auf eine Widerstandsgeschichte einengt. Es stimmt: Die Erzählerin hat sich im Lauf ihres Lebens immer mehr abgekapselt: "Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzen. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus..."

Was Heins Erzählung zu einem auch den Leser verwirrenden Erlebnis macht: Der Autor taucht nicht bloß unter in dem alles abwehrenden Drachenblut, sondern setzt seine Figuren, also auch den Leser, der ständigen Spannung widerstrebender Wünsche aus. Davon spricht der Titel der Originalausgabe, "Der fremde Freund": Freund und doch fremd; fremd, doch Freund. Wieviel stärker ist die Traurigkeit dieses Titels als die ins Mythische zielende Kälte des an "Wälsungenblut" erinnernden Titels "Drachenblut".

Christoph Hein erreicht seine – den Zustand der Welt im Jahre 1983 spiegelnde – Wirkung dadurch, daß er seine Figuren, erstem Anschein zuwider, nicht hinter der Hornhaut von Drachenblut verschwinden, sondern leiden läßt. Die Ich-Erzählerin wiederholt eben nicht nur ständig: "es interessiert mich nicht", "es ist mir gleichgültig", "ich habe keine Lust", sondern auch, und zwar in entscheidenden Augenblicken: "ich wünscht". Eine Frau, die an ihren freien Tagen nur Aufnahmen toter Natur in ihrem Photoapparat konserviert, kann vor sich selber den "schweren, süßlichen Wunsch" nicht verhehlen, "geborgen zu sein".

Dieses seltsame, zu wiederholtem Lesen verführende Buch beginnt, nach einem Prolog, mit einer Friedhofsszene: Widerstrebend erinnert sich Claudia an das stundenweise Zusammenleben mit dem toten Freund, der den lebenskräftigen Namen Henry Sommer führte. Dreizehn mehr oder weniger gleich lange Kapitel (zwischen 4 und 16 Seiten) weiten sich im neunten in eine große schmerzliche Erinnerung. Da werden die Verletzungen erzählt, die Claudia in ihrer Jugend erlitten hat. Und von hier aus, von dem gegen das Ende gerückten Zentrum der Erzählung, wird verständlich, weshalb Christoph Heins Novelle eine Geschichte des Schweigens ist. So schmerzend genau hat bisher nur Einar Schleef erzählt, wie und weshalb Menschen in der DDR, wegen ihrer Überzeugung, ihres Glaubens oder ihrer politischen Treue verfolgt und zum Schweigen gebracht worden sind. Heins Geschichte wird zur Dokumentation einer Sprachlosigkeit, die bis heute das Leben in der anderen Hälfte Deutschlands bestimmt.

Da gibt es, natürlich, die sich zum Leiden auswachsenden Störungen durch das Elternhaus. Aber wie junge Menschen zum Schweigen gebracht, zur Feindschaft gegen Freunde erzogen, zum Verrat an Idealen gezwungen wurden: hier ist es zu lesen.

Wer Christoph Heins Buch im Westen liest, kann vieles verstehen: die Brutalität deutscher Turnlehrer etwa. Aber was das bedeutet, der "Verrat" an Freunden oder an den Eltern, durch ein politisches System erzwungen: das kann man hier lernen.

Das politische Verstummen einer ganzen Generation, eines ganzen Landes, beschreibt Christoph Heins Erzählung auch. Und wie die Unfähigkeit zur Liebe, zur Hingabe mit einer – aus politischen Gründen – zerstörten Freundschaft zusammenhängt, das ist so wortkarg beredt noch nicht erzählt worden.

Politik und Erotik. Nur geahnte Zusammenhänge und Schmerzen deutscher Politik nach 1945: auch sie werden von Christoph Hein auf neue Art beschrieben.

Falsch wäre es, dieses Buch als ein Klagelied über die Verhältnisse in der DDR mißzuverstehen – wozu der westdeutsche Titel, "Drachenblut", verführen könnte. Dies ist, so deprimierend der "Inhalt" sein mag, ein "positives" Buch: weil aller Schmerz aufgehoben ist in Kunst. Sind dialektisch geschulte Autoren der DDR da weiter als manche, nur mitleidssüchtig im Elend gründelnden Autoren des Westens? Claudia, Photos betrachtend, die tote Landschaften spiegeln, erkennt: "Ihnen fehlt das Verwelken, Vergehen und damit die Hoffnung."

Aus dieser Hoffang, die aus Vergehen blüht, lebt dieses Buch.