Von Hans Magnus Enzensberger

Seit der Bonner Wende weht nicht nur durch die Korridore der Ausländerämter und der Sozialbehörden ein eisiger Wind. Auch das kulturelle Klima hat sich verändert. In das allgemeine Wehklagen über gekürzte Etats und gestrichene Subventionen möchte ich nicht einstimmen. Daß die Politiker jeden finanziellen Engpaß dankbar zum Anlaß nehmen, um Druck auf schreibende oder filmende Störer auszuüben, kann niemanden überraschen, der die deutsche Tradition kennt. Bemerkenswert ist dagegen die Wut, mit der Intellektuelle neuerdings auf Intellektuelle einschlagen, eigentümlich die freiwillige Aufrüstung, die im deutschen Feuilleton zu beobachten ist.

Im Schatten der Krise macht sich eine neue Form der Polemik breit, der es nicht mehr darum geht, Gegner zu widerlegen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Feinde zu liquidieren. Der Haß des Verfolgers erstickt das Erkenntnisinteresse des Kritikers. Nicht entschiedene Parteinahme macht sich hier Luft, sondern das Ressentiment des Denunzianten. Das sind Unterscheidungen, die einem Teil der deutschen Intelligenz derart schwerfallen, daß ich es für nötig halte, das wichtigste Kriterium für eine jede kritische Diskussion anzugeben, die diesen Namen verdient: Sie hat sich an der Produktion zu orientieren.

Für den Journalisten der Wende ist aber das, was ein Autor hervorbringt, nur noch eine lästige Randerscheinung. Er zielt einzig und allein auf die Person. Das hat den Vorteil, daß die Urteile, die er abgibt, keiner Nachprüfung mehr unterliegen. Kenntnisse sind nicht mehr erforderlich, Argumente gelten als störende Relikte.

Der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller – ein Mann, der den General Jaruzelski für einen kompetenten Gesprächspartner hält, wenn es um die Organisationsformen literarischer Öffentlichkeit geht –, Bernt Engelmann also fordert den antifaschistischen Schriftsteller Manès Sperber auf, einen Preis zurückzugeben, der ihm kürzlich verliehen worden ist, weil Sperber in seiner Dankrede Ansichten geäußert hat, die Engelmann nicht passen. Er tut dies im Namen aller Autoren, die seinem Verein angehören. Es kommt daraufhin zu Rücktrittsforderungen und Austrittserklärungen. Die Veranstalter des Feuilletons sind glücklich über den Radau. Engelmann ist der Held des Tages. Spaltenlang wird sein pöbelhafter Schritt kommentiert. Über das Lebenswerk von Manès Sperber fällt dabei kein Wort. Presseerklärungen, Interviews und Glossen genießen absolute Priorität. Die Produktion spielt in dieser Form des "Kulturlebens" keine Rolle mehr. Die Literaten ratifizieren die Überflüssigkeit der Literatur. Das Beispiel, das Engelmann gegeben hat, ist denkwürdig, aber ich glaube, ihm nicht zu nahe zu treten mit der Feststellung, daß er die sportliche Hochform, die heute von einem Angreifer verlangt wird, nicht erreicht hat. Den maximalen Unterhaltungswert erreicht die Polemik erst, wenn sie sich zur Menschenjagd steigert Harald Wieser hat letzte Woche im Spiegel exemplarisch vorgeführt, wie man das macht.

Sein Opfer ist "der aus Chile unter die Deutschen gekommene Literat Gaston Salvatore". Seiner journalistischen Berufung getreu, erörtert der Rezensent zuerst einige Fragen von zentraler literarischer Bedeutung: wie Salvatore sich anzieht ("teuer"), welche Weine er trinkt ("erlesene"), und wie seine Wohnung möbliert ist ("stilgerecht"). Die moralische Verwerflichkeit einer solchen Lebensweise steht, für Wieser außer Frage. Folgerichtig geht er der Frage nach, "über welche sinistren Kanäle der Autor" sie finanziert. Hier erhebt sich der Kritiker zu seiner vollen moralischen Größe. Daß im Literaturteil einer Zeitung die Lebenshaltungskosten eines Schriftstellers überprüft werden, ist ein bemerkenswertes Novum. Der Vergleich mit der Steuerfahndung müßte für diese nützliche Behörde kränkend ausfallen.

Natürlich ist Wiesers inquisitorische Methode völlig risikolos. Das Opfer müßte schon seine Mietquittungen sammeln und den Nachweis führen, daß es seine Jacken bei C&A kauft, um vor dem Richterthron des Schnüfflers zu bestehen. Wir verstehen den Wink und nehmen die Kriterien zur Kenntnis. In Zukunft werden sich literarische Reputationen an der Frage entscheiden, ob ein Romancier Kalterer See aus dem Supermarkt oder 1971er Romanee-Conti Domänenabfüllung bevorzugt.

Nachdem diese Vorfragen geklärt sind, wendet sich der Rezensent den literarischen Arbeiten Salvatores zu. Hier kann er sich kurz fassen, denn diese Schriften sind "unbekannt", und ihre Spur "verliert sich in staubigen Bibliotheken". Die Behauptung, einem Autor sei der Erfolg versagt geblieben, gilt als Beweis dafür, daß seine Bücher nichts taugen. Diese Meßlatte hat den Vorzug der Einfachheit. Hinfort genügt ein Blick in die Vertriebsstatistik, um literarische Urteile zu begründen. Wenn die Schwedische Akademie diese Auffassung teilt, dürfte der nächste deutsche Nobelpreisträger Heinz G. Konsalik heißen.

Erschwerend kommt allerdings hinzu, daß alles, was Gaston Salvatore schreibt, langweilig ist; derart langweilig, daß dem Rezensenten eine solche Lektüre nicht zugemutet werden kann: "Bereits ein äußerst sparsames Blättern genügt, und man ruht in Morpheus’ Armen wie ein Stein." Dieser angenehme Aufenthalt, oder aber die mineralische Beschaffenheit des Kritikers, erklärt vielleicht, warum Wieser auf eine weitere Auseinandersetzung mit den Publikationen Salvatores verzichtet und sein Urteilsvermögen an einen oder mehrere anonyme Theaterkritiker delegiert, die sich vor elf Jahren ungünstig über ein Theaterstück des Angegriffenen geäußert haben.

Schließlich erwähnt Wieser noch die Prosaschrift Waldemar Müller. Ein deutsches Schicksal (Heyne Verlag, München 1982), die ihm "überraschend gelungen" vorkommt. Ein mildernder Umstand für den Angeklagten ergibt sich hieraus allerdings nicht. Im Gegenteil: Aus der Qualität des Buches zieht Wieser nur den Schluß, daß Salvatore es nicht geschrieben haben kann. Der Verfasser wird kurzerhand zum Dieb erklärt. Auch mit diesem Verfahren ist Harald Wieser eine eindrucksvolle Neuerung auf dem Gebiet der Verleumdung gelungen.

Damit haben zwar die literarischen Überlegungen des Kritikers ein Ende gefunden, nicht jedoch seine Verdienste um die Perfektionierung des Rufmords. Sein nächster Schritt besteht darin, Salvatore dafür haftbar zu machen, daß er Freunde und Verwandte hat. Konsequenterweise setzt Wieser bei der Geburt des Schriftstellers an, dessen unverbesserlicher Hang zur Prominenz sich schon darin äußert, daß er als Neffe von Salvador Allende zur Welt gekommen ist, eine Form der Ranschmeißerei, der sich Harald Wieser niemals schuldig gemacht hätte. In Rom hat Gaston Salvatore als Assistent des Filmregisseurs Antonioni gearbeitet, und für den Komponisten Hans Werner Henze hat er zwei Libretti verfaßt. Daraus, und aus dem Umstand, daß Salvatore mit mir befreundet ist, zieht der Denunziant den Schluß, der Chilene im Exil sei "ein Papagallo der Prominenten". Müssen wir uns daran gewöhnen, daß diese schleimige Niedertracht als Literaturkritik gelten soll?

Aber Harald Wieser ist noch lange nicht am Ende seines Witzes. Salvatore hat sich nämlich noch eine weitere Freundschaft zuschulden kommen lassen: mit Rudi Dutschke. Auch aus ihr versteht der Rezensent dem Schriftsteller einen Strick zu drehen. Dieser werbe "mit seiner Freundschaft zum toten Dutschke bis auf den heutigen Tag für sich. Und eben dies wollen wir" – der Plural bezieht sich offenbar auf die Wiesers dieser Welt – "eine unappetitliche Falschmünzerei nennen". Über die Appetitlichkeit Harald Wiesers möchte ich mir kein Urteil erlauben. Was die Falschmünzerei angeht, so möchte ich folgende Tatsachen festhalten: Der Mann, den Wieser ein "Starlet der Apo" nennt, wurde im Januar 1969 in Berlin wegen schwerem Landfriedensbruch zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Vor der Verbüßung dieser Strafe gelang ihm die Flucht nach Chile, wo er wegen angeblich subversiver Tätigkeiten erneut inhaftiert wurde. Erst nach der Amnestie von 1970 konnte er wieder nach Deutschland zurückkehren. Da er keinen deutschen Paß besitzt, ist er auf die Duldung der deutschen Behörden angewiesen.

Nachdem der Rezensent das soziale Umfeld abgeklärt und die Datenerfassung abgeschlossen hat, kann er einen Schritt weitergehen. Nun zeigt er, was er als politischer Gesinnungsschnüffler wert ist. Salvatore hat in den letzten Jahren mehrere Porträts deutscher Politiker und Unternehmer veröffentlicht. Diese Arbeiten werden nun auf ihre Gesinnungstreue hin abgeklopft. Nach Wiesers Ansicht beweisen Salvatores Reportagen, daß er zum "Schoßhund der deutschen Unternehmer geworden ist" und daß er "vor den Kapitänen der Industrie auf den Knien" umherrutscht. Die Beweise für diese Behauptungen sind äußerst dürftig. Die Zitate, die der Kritiker anführt, beziehen sich wiederum auf Lebensstil und Ambiente, nur daß es diesmal nicht Salvatore ist, dessen Gewohnheiten Harald Wieser allzu aufwendig erscheinen, sondern Otto Wolff von Amerongen und seine Kollegen.

Darüber hinaus hat Salvatore es auch noch gewagt, Alfred Dregger sympathisch zu finden. Es ist richtig, daß der Schriftsteller mit dieser verbrecherischen Äußerung in der deutschen Presse einzig dasteht; alle seine Kollegen wissen ganz genau, wer wen wann und warum sympathisch zu finden hat, und keinem von ihnen würde es einfallen, die entsprechenden Sprachregelungen zu verletzen. Umgekehrt ist sich Harald Wieser sehr wohl darüber im klaren, wer zum Abschuß freigegeben ist. Im vorliegenden Fall ist das – Salvatore, der Lakai des Großkapitals. Nur schade, daß auch hier die Tatsachen sich dem Weltbild des ideologischen Aufpassers nicht fügen wollen. Zu den deutschen Unternehmern, die Gaston Salvatore im Stern porträtiert hat, gehört nämlich auch der Besitzer einer großen deutschen Werbeagentur, ein Mann namens Rolf Eggert. Auf das, was Wieser das "Pfötchengeben" des Reporters nennt, hat Eggert reagiert, an die Adresse des Verlages Gruner & Jahr: nämlich mit der Androhung, Anzeigen zurückzuziehen. Es ist mir nichts davon bekannt, daß Harald Wieser jemals ein ähnliches Risiko eingegangen wäre.

Auch mit der ideologischen Verleumdung ist jedoch das Ziel dieses Rezensenten, die Vernichtung seines Opfers, noch nicht erreicht. Es fehlen noch zwei weitere Schritte. In der folgenden Etappe wendet Wieser sich dem Ziel zu, die wirtschaftliche Existenzgrundlage des Feindes zu zerstören. Hierbei kommt ihm seine Fixierung auf Geldfragen und sein leidenschaftliches Interesse an den Kontoauszügen des Angegriffenen zugute. Er teilt also seinen Lesern mit, wieviel Deutsche Mark Salvatore für seine Reportagen "kassiert" haben soll, und stellt mit Befriedigung fest, daß der Stern die Serie mit seinen Unternehmer-Porträts "vorerst gestoppt" habe. (Dreimal darf er raten, warum.) Dann gibt er seiner Hoffnung Ausdruck, weitere Aufsätze des "Klippschülers" möchten dem Publikum erspart bleiben. Dann wäre Wieser fast am Ziel seiner Wünsche: "Denn die Honorare für seine Bücher könnten ihm allenfalls das Bierdosen-Paradies eines Stadtstreichers sichern".

Wer den sozialen Tod eines Menschen herbeiführen will, muß ihn von seinen Freunden trennen und ihn seiner wirtschaftlichen Basis berauben. Damit ist viel erreicht, aber nicht alles getan. Wenn es sich um einen Schriftsteller handelt, muß er auch an der Stelle getroffen werden, wo er am stärksten ist: an seinem Arbeitsvermögen, an seiner Produktivität. Die Henker-Phantasien Harald Wiesers sind in diesem Punkt ganz klar. Er formuliert sie in der Behauptung, "das Feuilleton" habe Salvatore jedesmal, wenn er mit einem neuen Werk an die Öffentlichkeit getreten sei, "gerädert und gevierteilt". Wohlgemerkt, die Institution, in deren Namen der Rezensent spricht, ist nach seinen Worten nicht dazu da, Bücher, sondern Menschen umzubringen.

An drei Stellen seines Textes kommt der Denunziant auf eine ganz besondere Schwäche seines Opfers zu sprechen, nämlich auf die Tatsache, daß Salvatore Ausländer ist. Er stellt fest, daß es sich um einen "Literaten" handelt, der "unter die Deutschen gekommen" ist. Er nennt ihn mit bedeutsamem Schmatzen "Señor" Salvatore. Und er geht schließlich soweit, den fremden Akzent des Exilierten nachzuäffen. Es gehört nicht zu den Gepflogenheiten der deutschen Presse, Personen, über die sie berichtet, zu duzen und mit Vornamen anzusprechen. Allerdings soll es in diesem Land eine Zeit gegeben haben, da man Leuten, deren Status als Deutscher strittig war, mit dem Ruf begegnet ist: "Itzig, hau ab." Es scheint mir, daß Harald Wieser sich diese Tradition zu eigen macht;

Ich habe mir mit dieser Erwiderung nicht die literarische Rehabilitierung des deutschen Schriftstellers Gaston Salvatore zur Aufgabe gemacht. Es kam mir darauf an zu zeigen, daß er kein Freiwild ist. Heine, der Ausländer, hatte es gut. Er wußte, wo er seine Denunzianten zu suchen hatte: im Lager der rechten Reaktion und bei der politischen Polizei. Medien-Linke wie Harald Wieser haben dafür gesorgt, daß uns nicht einmal diese trostreiche Gewißheit geblieben ist.