Körperbehinderte müssen nicht resignieren: Die Rehabilitationstechnik macht riesige Fortschritte

Von Karl-Heinz Mauritz

Dayton/Ohio, ein Tag im August dieses Jahres. Großer Tag für die Studentin Nan Davis; Ende des Studiums, ein letztes Mal Prüfungsangst, sie muß ihre Examensabschlußansprache halten. Ein bißchen aufgeregt ist sie schon. Wird alles gutgehen? Entschlossen erhebt sie sich von ihrem Sessel. Doktor Jerrold Petrofsky nimmt beruhigend ihren Arm, führt sie die wenigen Schritte zum Rednerpult. Etwas unbeholfen wirkt das hübsche blonde Mädchen, wie es da zu seiner Rede schreitet. Doch dann steht die Studentin tapfer lächelnd in ihrem schwarzen Talar am Mikrophon und spricht ihren lang vorbereiteten Text. Es ist geschafft.

Nan Davis, 23, ist seit fünf Jahren von den Hüften abwärts gelähmt. Dr. Petrofsky von der Wright State Universitär in Dayton hat sie wieder auf die Beine gebracht. Rettung für Tausende Querschnittsgelähmte Hat der Rollstuhl schon bald ausgedient?

Versteckt unter dem Talar der amerikanischen Studentin waren 36 Elektroden an ihren Bein- und Rückenmuskeln befestigt. Ein kleiner Computer, an einem Gürtel getragen, koordinierte die elektrischen Reize, welche die Muskeln zur Kontraktion bringen und dadurch Stehen und Gehen regulieren. Sensoren – darunter solche jener Art, die sich in den Interkontinentalraketen befinden – meldeten die Position der Beine und des Rumpfes zum Computer zurück. Dieser gab seine Informationen wiederum an die Elektroden ab und steuerte so den Bewegungsablauf – Schritt für Schritt.

Noch vor wenigen Jahren hätte sich Nan Davis bestenfalls mit einem riesigen Geh-Apparat wieder bewegen können, einem unheimlichen Roboter ähnlicher freilich als einem Menschen. In Zukunft, so hofft Dr. Petrofsky, könnten ihr vielleicht schon mit Mikroprozessoren ausgerüstete, einem Herzschrittmacher ähnliche Sensoren unter die Haut gepflanzt werden. Ihre Gehmaschine, einen Kleincomputer, könnte Nan Davis dann womöglich ganz unauffällig bei sich haben – als eine Art vollelektronische Handtasche.

Was da – als ein Beispiel von vielen – zumeist fernab der Öffentlichkeit und unbemerkt auch von vielen Fachleuten im Gange ist, könnte schon bald einen ganzen Zweig der Humanmedizin revolutionieren: die Rehabilitation von Schwerbehinderten. Der kurze Gang der Nan Davis ist in der Tat ein gewaltiger Sprung, Dr. Petrofskys Gehmaschine eine medizintechnische Pionierleistung, vergleichbar der „Erfindung“ der Brille oder der Konstruktion des ersten Rollstuhls vor fünfhundert Jahren. Neue Erkenntnisse in der Rehabilitationstechnik haben Forschungsprojekte ermöglicht, die vor einigen Jahren noch utopisch erschienen: Künftig sollen – mit Hilfe hochtechnisierter Prothesen – Lahme wieder gehen, Blinde wieder sehen, Taube wieder hören.