In diesem Sommer bekamen die Bankiers dann für ihre oft riskanten Geschäfte in der Pelzbranche die Quittung: Vor drei Monaten ging der berühmte selfmade man Nachman Daitsch pleite und hinterließ bei der SMH-Bank – so munkelt man im Brühl – mindestens zehn bis zwanzig Millionen Mark an Schulden.

Kein Wunder, wenn die Gerüchteküche arbeitet: Als die SMH-Bank vor zwei Wochen ihre eigene Defacto-Pleite eingestehen mußte, weil sie voraussichtlich rund 600 Millionen Mark bei dem Mainzer Baumaschinenunternehmer Horst-Dieter Esch verlor, wurden sofort auch die Pelzgeschäfte als weiterer Hauptgrund für die Schieflage der traditionsreichen Bank herangezogen. Schließlich haben die Banker sogar schon ein Geschäftslokal im Brühl angemietet und verkaufen dort seit einigen Wochen sicherheitsübereignete Felle unter dem fremden Firmennamen Koch, Lauteren.

Doch die SMH-Verluste bei Daitsch, der zwei Wochen nach seiner Pleite bei einem Verkehrsunfall starb, und anderer Händler in der Pelzbranche dürften klein sein im Vergleich zu dem, was die Banker bei Esch verloren haben. Zudem waren auch andere Banken – wie die Bayerische Vereinsbank und die Frankfurter Effectenbank-Warburg AG – in den letzten Monaten von Pelzpleiten betroffen: Im bayerischen Fürth mußten der ehemalige Bürgermeister Heinz Levie und sein Partner Walter Kaiser – seines Zeichens Konsul von Togo – die Handels- und Konfektionsfirma Marco-Pelz schließen. In Frankfurt gab der Großhändler Heinz Müller auf – wegen seines Binders in der Branche als „Fliegenheinzi“ bekannt. Auch die Firmen Hessische Pelz und Westfell sowie einige kleinere Händler mußten ihre Geschäfte einstellen, obwohl sonst die Mehrzahl der rund zweihundert Großhändler noch gute Abschlüsse macht.

Ein Pelzhändler arbeitet mit großen Risiken. Vom Winter, wenn er die Rohfelle für einige Millionen Dollar auf den Auktionen ersteigert, bis zum Spätsommer, wenn die Kürschner bei ihm kaufen, muß er seine Lager – meist mit Krediten – finanzieren. Auch die Werkstätten in Griechenland oder Südostasien, die im Frühjahr und Sommer die Felle gerben und veredeln, werden immer teurer. Wer sich beim Einkauf verspekuliert, sitzt schnell auf einem Berg unverkaufter Felle und Schulden.

Nachman Daitsch und seine Pleitekollegen hatten sich mit Persianern verspekuliert. Ende der siebziger Jahre wurde das Fell der Karakulschafe, das hauptsächlich aus dem dürregeplagten Südwestafrika kommt, knapp. Daitsch deckte sich deshalb bei den Auktionen in der Londoner Beaver Hall vorsorglich gut ein – ohne zu bedenken, daß der „Beerdigungsmantel“, wie der schwarze Persianer in der Branche heißt, schon lange modisch passé war. Er blieb auf den Fellen sitzen und zu allem Übel rutschte der Preis der auf Kredit gekauften Ware stark nach unten: Innerhalb von zwei Jahren waren die Persianerfelle nur noch die Hälfte wert.

Auch die Waren- und Versandhäuser ließen Daitsch und ihre anderen Lieferanten im Stich. Sie kauften lieber Füchse und Kaninchen aus Korea und der Volksrepublik China. Ihre Qualität ist zwar nicht sehr gut, dafür aber der Preis.

Seit drei Jahren laufen bei den Warenhäusern die billigen Pelzmäntel und -jacken, mit denen hauptsächlich Hertie und C & A große Umsätze machen, sowieso nicht mehr so gut. Während das Geschäft bei teuren Pelzen weiterhin floriert, sind die Umsätze bei mittleren und billigen Qualitäten in den letzten drei Jahren um über dreißig Prozent zurückgegangen. Für den Pelzhandel ist das ungewohnt, denn seit dem Krieg hatten die Händler nur Zuwächse verbucht. Selbst die Rezession Mitte der siebziger Jahre hielt die Kundschaft nicht zurück.