Eine neue Hypothese versucht Gedächtnis und Gene, Schlaf und Schizophrenie auf einen Nenner zu bringen

Von Peter Jennrich

Acht Jahre lang untersuchten Wissenschaftler der Universität Florida, wie genau die menschliche Erinnerung im Alltagsleben funktioniert. Regelmäßig baten sie mehr als 100 Probanden, ihnen die Gesprächspartner von vor einer Woche zu nennen. Kaum jeder zweite, wen überrascht es, erinnerte sich korrekt an das jeweilige Gegenüber und die Anzahl der Gespräche. Selbst bei Menschen, die ihnen nach eigenem Bekunden nahestanden oder wichtiges zu sagen hatten, ließ das Gedächtnis die Versuchspersonen gleich oft im Stich.

Die Folgen der Vergeßlichkeit werden Gerichte für Zeugenaussagen und Marktforscher für Umfrageanalysen interessieren – und Ehemänner natürlich, die im Geiste nach einer glaubhaften Erläuterung bei übersehenen Hochzeitstagen fahnden. Denn das vielzitierte Gedächtnis wie ein Sieb, so präzisieren die beiden britischen Forscher Francis Crick und Graeme Mitchison mit einer eleganten Hypothese einen alten Verdacht, funktioniert überhaupt nur, weil es ein Sieb ist.

Crick, der 1962 für die Mitentdeckung der Doppelhelix-Struktur des Erbmoleküls DNA den Nobelpreis der Medizin bekam, und Mitchison, Molekularbiologe an der Universität Cambridge in England, weisen den Traumperioden des Schlafes die Funktion eines Siebes zu: Sie sollen in einem mehrere Nächte dauernden Prozeß unwesentliche Erinnerungen aus unserem Gedächtnis herausfiltern.

„Wir nehmen an“, argumentiert das Duo, „daß im REM-Schlaf durch einen ‚umgekehrten Lernprozeß‘ unerwünschte Verknüpfungen zwischen Nervenzellen der Hirnrinde gelöst werden.“ Das Kürzel REM steht für rapid eye movement. Es bezeichnet in der Regel fünf Phasen schneller Augenbewegungen, nach denen sich ein Schläfer, den man weckt, seiner Träume erinnert.

Die im Alltag zur Gewohnheit degradierte Funktion des Gehirns – auch „eine Art Gesamtkontrolle“, wie Crick 1979 schrieb – ist ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen Vergessen und der Suche nach dem Neuen.