Es geht um 1800 Meter. Um die „Mädels“, die stehengeblieben sind, als der Sportpalast abgerissen wurde, und um die ausgestopfte Krähe des Hans Kalupa. Um den kleinen, kalten Lebensmittelladen von Theo und Anni, die Videokassetten des Herrn Sanayolu, die dürftigen Behausungen der Asylanten und die eigenwillige Weltanschauung des Baulöwen Karsten Klingbeil mit dem runden, bläßlichen Gesicht. Es geht um den Sozialpalast und das Alliierte Kontrollratsgebäude, das Schicksal einer Baugrube und einen Platz, dessen Lebensader durch trennt wurde, und der trotzdem nicht gestorben ist. Es geht um die Potsdamer Straße im Herzen Berlins, um ihren Mythos, den vielfach entzauberten und doch lebendigen.

„Die Potse“ nennen die Hausbesetzer liebevoll ihr Stückchen Straße. Zugereiste rümpfen die Nase, wenn sie feststellen, daß sich hinter dem Kürzel nicht die betuliche ältere Nachbarin, sondern der – ihrer Ansicht nach – schmutzigste und kriminellste Streifen Berlins verbirgt. Er liegt in Schöneberg und beginnt dort, „wo die Firma Machnow sich für Deutschlands größtes Fahrradgeschäft seit 1899“ hält. Er endet am Potsdamer Platz, „dort wo der Sozialismus beginnt“.

Benny Härlin und Michael Sontheimer, zwei ehemalige taz-Redakteure, wohnen hier seit zehn Jahren. „Potsdamer Straße“ lautet der schlichte Titel ihres Buches (Rotbuch Verlag Berlin), „Sittenbilder und Geschichten“. In der Autorenbuchhandlung lesen sie daraus vor, ihre „zweite öffentliche Veranstaltung heute“, wie Michael Sontheimer es nennt.

Am Vormittag war Benny allerdings Hauptperson. Sontheimer war nur als Journalist auf der Eröffnung des Prozesses gegen seinen Mitautor und Michael Klöckner, die als Mitglieder des Vereins „Zeitungskooperative“ für den Abdruck sogenannter Bekennerbriefe „Revolutionärer Zellen“ in der Zeitschrift radikal verantwortlich gemacht werden.

In ähnlicher Misere, von Pressezensur bedroht, steckte schon vor hundert Jahren ein Journalist namens Julius Settenheimer. Settenheimer, Herausgeber der satirischen Zeitschrift Berliner Wespen, lebte damals in demselben Haus in der Potsdamer Straße, in dem heute Benny wohnt. Der Kreis schließt sich auf der Potse. Aber zurück zu den Hauptpersonen des Herr Sanayolu hat Benny auf dem türkischen Basar getroffen. Der „Basar“ über der stillgelegten Hochbahnstation am Bülowbogen besteht im wesentlichen aus einer Einkaufspassage mit Videoläden, einem langgestreckten Kasinosaal und zahllosen Glücksspielautomaten.

Herr Sanayolu, der das Flimmer-Geschäft für eine schwere Krankheit hält, der besonders Kinder anheimfallen, ist selber Großhändler für Videokassetten von Beruf. Am Sonntag wird es im Kasino lebendig. Die türkische Ober- und Mittelschicht gibt sich die Ehre, goldberingte Hände stecken der in weißen Tüll gefüllten Bauchtänzerin Scheine in die Brust. Die Preise sorgen dafür, daß man unter sich bleibt, die Kinder vergnügen sich an den Spielautomaten.

Hier im Basar findet sich jedoch bei weitem nicht das einzige Kasino auf den 1800 Metern. Die Potsdamer Straße ist nicht nur die alte Heimat der Prostituierten und Drogenabhängigen, sondern auch die Zocker sind hier zu Hause. In den Spiel-Klub „Sparta“ beispielsweise schleppen die Damen des Gewerbe weit nach Mitternacht ihren letzten „Patienten“, Der bierbäuchige Deutsche wird von Croupier Machmet kräftig ausgenommen, der Zuhälter am Nebentisch winkt freundlich ab: „Wie oft soll ich es dir denn noch sagen, daß ich mit Kanaken nicht spielt.“ Vor rund 250 Jahren versprach der Preußenkönig Friedrich I.: „Wenn die Türken kommen, werde ich ihnen Moscheen bauen.“ Heute Schimpfen Türken manchmal heftiger auf ihre eigenen Landsleute als die Deutschen. Mehmets Tirade endet mit dem gutgläubigen Ausspruch: „Wenn man zu Gast ist, muß man anständig sein.“ Für die Autoren gehören solche Gespräche zu den peinlichsten Situationen, „denn nichts ist schlimmer als die Vorurteile der Täter aus dem Munde der Opfer“. Mehmet betreibt heute den kleinen Laden, der bis zu Theo Scheurichs Tod vor ein paar Monaten ihm und seiner Frau Anni gehörte. Mehmet findet es dort mächtig kalt. Anni kann darüber nur lachen. Seit dreiunddreißig Jahren habe es hier keine Heizung gegeben, das halte die Lebensmittel frisch. „Pelzstiefel mußte anziehen, mein Junge, aber der hört ja nicht.“