Beachtlich

„Die Erben“ von Walter Bannert. Der Kampfbund „Jugendschutz“ genießt das Manöver auf dem idyllischen, baumbeschatteten Erbhof, von einem Freund der Bewegung zur Verfügung gestellt. Die Jugendlichen marschieren in fescher Uniform, recken die Hand zum Gruß nach oben und stehen stramm. Laut ertönt der Ruf nach dem starken Mann und nach wirklicher Bewährung vor dem Feind. Im Steinbruch schießen die fröhlichen jungen Kämpfer nach einem Judenstern. Thomas (Nikolaus Vogel), der sensible Junge aus reichem, aber zerrüttetem Elternhaus, und sein proletarischer Freund Charly finden bei der „Nationalen Einheitspartei“ Geborgenheit und Kameradschaft, die sie im Elternhaus vergeblich suchten. Wer Bannerts detaillierte Schilderung neonazistischer Umtriebe für übertrieben oder gar erfunden hält, den belehrt ein Blick in die Zeitung. Die Neonazis haben Auftrieb, nicht nur in Österreich, wo der Film entstand. Auch bei uns bedrohen neonazistische Organisationen schon die Aufführung des Films. Bannerts realistische Inszenierung betont die gefährlichsten und dabei am wenigsten sichtbaren Aktivitäten der alten und neuen Nazis. Faschisten, das sind nicht nur uniformierte Schlägertrupps, sondern auch respektable ältere Herren, die geduldig das Vertrauen der jungen Leute gewinnen und erst nach und nach ideologisch werden. Selbst den sanften Thomas verwandelt die Einübung brutaler Konfliktlösungen unaufhaltsam. Wenn er am Ende den Familientyrann niederschießt, hat das schleichende Gift der Ideologie der Gewalt gewirkt.

Lina Schneider

Unbekümmert

„Kanakerbraut“ von Uwe Schrader, ein Abschlußfilm für die Berliner Film- und Fernsehakademie, gedreht für dreißigtausend Mark an unbekannten, sehr fremden Schauplätzen in Berlin (West). Im Mittelpunkt steht ein Mann in den mittleren Jahren (Peter Franke). Zwischen Gelegenheitsjobs, alltäglicher Traumtänzerei und abendlichen Kneipenbesuchen probt er das Überleben. Er wohnt in einer schmuddeligen Hinterhofbude, wo die Jalousien zerrissen, die Wände voller Löcher und Flecken sind und überall alte Zeitungen und Groschenromane, leere Konservenbüchsen und Bierflaschen herumliegen. Noch gibt es Sehnsüchte in dem Mann. Die aber führen ihn nur zurück in die Vergangenheit; in die Zeit, als er noch einen festen Beruf, eine Frau und ein Kind hatte. Abends, wenn er betrunken ist, denkt er manchmal daran, alles mit einen Schlag zu verändern, neu anzufangen. Und danach bestellt er sein nächstes Glas. Der Film beobachtet dieses Leben am Rande der Hölle, inmitten von Schmutz, Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht, präzise und intensiv. Er zeigt, ohne zugleich zu werten. Die minimalen Nuancen, die leisen Töne herrschen vor. Das fremde Leben des Mannes bleibt fremd. Und doch berühren die kleinen Siege in seinen Niederlagen immer wieder. Durch die intensive Verwendung der Handkamera kommt darüber hinaus oft eine Unruhe in die Bilder, die eine rauhe Atmosphäre schafft. Jenseits glatter Gefälligkeit, die im heutigen Kino gang und gäbe ist, herrscht das Reich des Unbekümmerten. Wo es produktiv ist, also einen Stil hat, wie in diesem Film, entwickelt es eine Intensität, die gelegentlich umschlägt in Poesie. Norbert Grob

Bemüht

„Eine Liebe wie andere auch“ sei die Homosexualität, sagte Klaus Mann in einer mürrisch abwiegelnden Definition aus dem Exil, als es um Abgrenzung gegen Röhm und Konsorten ging. Heute fehlt der Feind. Dieser Film (von Hans Stempel und Martin Ripkens, Mitarbeiter der alten „Filmkritik“, Jugendbuchautoren und sehr behutsame Dokumentaristen) ist thematisch wie formal gleichsam ein Widerruf des Klassikers der deutschen Schwulenfilme: „Anders als die anderen“ (1919). Anpassung zur Normalität also? Szenen einer Durchschnittsehe, nun unter Wieland (Deutschlehrer an einem Berliner Gymnasium) und Wolf (Buchhändler) in aufgeklärtem Arrangement? Wenn hier die Liebe zur Literatur höher ist als die erklärte Liebe der Männer untereinander, muß das nicht an der Wirklichkeit liegen, die schüchterner geworden ist. Das Drehbuch neigt zur Literarisierung. Der Film will exemplarische Szenen aus dem Männer-Leben und Wiedererkennungseffekte beim allgemeinen Publikum hervorrufen. Das ist ihm in einigen Momenten der Sprachlosigkeit (der dritte Mann: allein; der Schock im Park), die sich selber nicht erklärt, gelungen. Bei allem Kleinmut, der in den Nischen dieser geschliffenen Beziehungskiste hockt, gibt es dennoch einen Schlußakt spielerischer Auflehnung. Die Minderheiten vereinigen sich: zum Konsens? Karsten Witte