Was ernst ist, muß bekanntlich auch Tiefe haben", sagte ich, obgleich gar nichts ernst war. Aber sofort sagte mir sein Gesicht, wie ernst es sein kann, und ich sagte, daß Tiefe ja auch nicht unbedingt ernst machen muß, wir jedoch immer auf den Ernstfall vorbereitet seien, ob im Auto, im Flugzeug, am Krankenbett oder am Schreibtisch, und Kindern unsere ernsten Gesichter oft mehr Angst einjagten, als die Sirene eines Unfallwagens Sein Gesichtsausdruck wurde noch ernster, denn er sprach vom Krieg, der jetzt genauso hereinplatzen könnte wie ein Unfall-Wagen.

Ein Sonntagmorgen mit allem, was man sich vom Wetter dazu wünschte, und ich starrte in Gesichter. Weil die Eichen und Buchen im Park ihrem Ruf getreu so knorrig ihre Ansprüche stellten, bildete ich mir ein, dazwischen wuchtige Säulen mit verwitterten Büsten zu entdecken und verglich die in Stein gehauenen und in Bronze gegossenen Gesichter mit denen ringsherum, und denen im Bundestag und auf Generalversammlungen und Tagungen unter freiem Himmel. Die Gegenwart schien mir den Gefallen zu tun, in tiefem Ernst schon Vergangenheit zu bilden.

Netzbeschmutzer würde man mich beschimpfen, hätte man meine Gedanken erraten, mein Lacheln, welches auch immer, wäre Verrat gewesen, und das Lachen erst; ich lachte meistens auch zu plötzlich und so laut. Aber warum lächelte da jemand, der am Stock ging und nur einen Arm hatte, wollte er mir zeigen, daß ich ruhig neugierig gucken könne, das sei ihm noch lieber als wegzusehen? Es war ein austrainiertes Lächeln. Und die Frau weiter längs auf dem Rad mit einem Kind hinten und einem vom? Sie hatte genug Plan, aber ihr Gesicht sagte, daß sie auf alles gefaßt ist, und die Kinder hatten Kappen auf wie Rennfahrer.

Und die gewohnten Fernsehgesichter stellten sich ein mit ihrem Routine-Ernst und dem Standard-Lächeln, und die neuen Bundesminister mit ihrer Gefolgschaft, deren Gesichter alle nur sagen wollten: Seht her, unser Ernst entsteht aus der Verantwortung, und die muß getragen werden. Bei dem Dienstältesten glomm ein nachsichtiges Lächeln auf, hergeholt aus einem der Faltenverstecke, wie sind wir denn alle? Wie konnte ich von uns allen reden, das wäre nicht fundiert und ernst genug. Deshalb versuchte ich unseren Gesichtern den Ausdruck von Weltschmerz zu unterschieben, diese gewohnte Mischung aus Sentimentalität, tiefer innerer Bewegung und kläglichem Verzicht.

Sollte ich etwa dem Herren dort im gebügelten Parka, der wieder mal seinen Wahlkreis abschritt, erklären, daß man schließlich über alles lächeln dürfe, was nicht so sicher sei wie das Einmaleins? Ich stellte mich dann vor den Schaufensterspiegel einer Apotheke, versuchte ein nachdenkliches Lächeln und gab zur Regulierung in Anbetracht sämtlicher Umstände noch einen Schuß Schmunzeln hinzu. Aber es wurde zur Grimasse. Und so machte ich ein Gesicht wie die anderen, ein ernstes.