Von Hans Mayer

Natürlich denkt man beim Lesen einer deutschen Familiengeschichte van "Buddenbrooks" und an den jungen Thomas Mann. Auch der Verfasser

Klaus Dohrn: "Von Bürgern und Weltbürgern – Eine Familiengeschichte"; Verlag Günther Neske, Pfullingen, 1983; 272 S. 35,– DM

kann sich der Nachbarschaft nicht entziehen. Wenn er von den Anfängen der Familie im pommerschen Schwerin zu berichten hat, also in preußischer Provinz, beileibe nicht in einer Freien und Hansestadt, so merkt er an: "Im Vergleich mit dem Wohlstand und der Weltgeltung von Hamburg waren seine Verhältnisse allerdings von bescheidenster Provinzialität. Nicht der Hauch einer Buddenbrook-Atmosphäre wehte in seinen Mauern."

Trotzdem ist der Vergleich mit den "Buddenbrooks" unangemessen, und zwar weniger, weil Klaus Dohrn kein Thomas Mann ist und sein will, vielmehr als klug forschender und gut schreibender Historiker einen Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte leisten möchte. Kein Romancier und Fabulierer; weit eher inspiriert vom Bestreben, "Bilder aus der deutschen Vergangenheit" zu entwerfen, wie es Gustav Freytag im 19. Jahrhundert vorgemacht hatte. Der Hinweis auf Freytag gehört zur Sache, denn die Dohrns, deren "eigentliche" Geschichte, wie; ihr Geschichtsschreiber betont, dem 19. Jahrhundert angehört, waren politisch zumeist nationale Liberale, im äußersten Falle zugehörig dem bürgerlich-demokratischen "Freisinn": ähnlich wie der Autor von "Soll und Haben".

Die Paradoxie jedoch eines Vergleichs der Dohrnschen Familiengeschichte mit den romanhaften Buddenbrooks (also natürlich nicht mit der Familie Mann!) liegt darin, daß Dohrns im Sinne der deutschen Historie, und sogar der europäischen Kulturgeschichte, viel bedeutender gewesen sind als Toni Grünlich, Christian Buddenbrook und sogar als der pessimistisch philosophierende Senator Thomas. Von Hanno zu schweigen, der einen dicken Strich unter die Familiengeschichte zog, weil er nicht zu Unrecht meinte, "es käme nichts mehr".

Die Ursprünge der pommerschen Dohms mögen ähnlich gewesen sein denen der lübischen Buddenbrooks: allerdings werden sie früher angesetzt und reichen noch zurück ins schwedische Vorpommern. Klaus Dohrn ist nüchtern: "Johann Melchior Dohrn war ein Schwarzfärber, also ein Handwerker und ein einfacher Mann. Er wird den plattdeutschen Dialekt gesprochen haben." Sein 1719 geborener Sohn Friedrich wurde Mediziner und ließ sich in Posen nieder, im Königreich Polen.

Als redlicher Historiker verschweigt Klaus Dohrn keineswegs die durch Dokumente belegbare These, ein holländischer Student van Dyhrn, der nach einem Duell aus den Niederlanden nach Polen flüchten mußte, wo er den Namen Dohrn annahm, "sei der wirkliche Stammvater der später nach Stettin ausgewanderten Familie Dohrn". Leicht pikiert, doch nicht ohne Humor wird konstatiert: "Die Beweisführung für diese These ist seinerzeit von der lebenden Generation Dohrn nicht anerkannt worden." Der deutsche Bürgerstolz pflegte in solchen Fällen nicht anders zu reagieren als der Hochadel und erst recht als der kleine Adel im Fall einer Mißheirat.

Das große Geld hat dann Heinrich Dohrn gemacht (1769-1852). Es entstammte den Gewinnen aus einer der ersten Aktiengesellschaften in Preußen: der 1817 gegründeten "Pommerschen Provinzial Zuckersiederei". Auch hier denkt der Familienhistoriker Klaus Dohrn, selbst ein erfolgreicher Kaufmann und Bankier, perspektivisch und ist nicht unfern den Gedankengängen Thomas Manns über den "Verfall einer Familie", wie es im Untertitel der "Buddenbrooks" heißt. "Durch Zersplitterung in mehreren Erbgängen ging Substanz verloren. Dann haben die beiden großen Inflationen des 20. Jahrhunderts das Vermögen dezimiert. Schließlich ist sein Kernstück, der Aktienbesitz an der P.P.Z., mit dem Untergang des deutschen Stettin verlorengegangen." Auch diese Bürgergeschichte ging zu Ende mit der Gesamtgeschichte des deutschen Bürgertums. Klaus Dohrn weiß, da wächst nichts nach, und es wird kaum eine neue deutsche Bürgerkultur entstehen, wo sich Menschen entfalten können, mit Hilfe eines ererbten Wohlstandes, wie der genialische Carl August Dohrn, der noch Goethe besuchen durfte, weil er Duzfreund war des in Weimar geliebten Felix Mendelssohn-Bartholdy; wie Anna Dohrn, die Großmutter von Wilhelm Furtwängler, wie Anton Dohrn, der die berühmte Zoologische Station in Neapel gegründet hat.

Wohl auch noch wie Georg Dohrn, Vater des Verfassers, Generalmusikdirektor in Breslau, gestorben 1942, den Brahms noch geprüft und als angehenden Musiker beraten hatte. Er empfahl ihn nach Köln an seinen Freund und Bewunderer, den Dirigenten Franz Wüllner. Eine schöne Photographie des Buches zeigt Georg Dohrn zusammen mit Gustav Mahler, den er als Dirigenten nach Breslau holte. Er hat dort auch, nach der Münchener Uraufführung unter Mahlers Leitung, im Jahre 1913 die riesenhafte Achte von Mahler aufgeführt. Unter Georg Dohrns Leitung spielte Wladimir Horowitz im Jahre 1926 das erste Klavierkonzert von Tschaikowskij. Ein paar Jahre später hätte man den Horowitz nicht mehr auftreten lassen, und Tschaikowskij hätte auch nicht mehr auf dem Programm stehen dürfen. Man wird traurig beim Lesen dieser Familiengeschichte.

Freundesbriefe Mendelssohns an Carl August enthält die Chronik, auch Freundesbriefe von Brahms an Wilhelm Dohrn, den Sohn von Carl August. Dieser C. A., schöner Mann offenbar und Freund vieler Freunde: Mendelssohns wie Alexander von Humboldts oder des Bildhauers Thorwaldsen, muß noch ein universalistisches Konzept gelebt haben. Kein Spezialistentum, sondern Symbiose der Kunst mit der Wissenschaft. Ein begabter Sänger und zugleich ein angesehener Naturwissenschaftler: Entomologe, also Insektenforscher. Von Felix Mendelssohn bis Alexander von Humboldt, die einander nahe waren, nicht spezialistenhaft voneinander getrennt. Lebensläufe gleich jenen eines Albert Schweitzer oder Albert Einstein hätten im 19. Jahrhundert durchaus nicht so singulär gewirkt wie im unsrigen.

Auch in der Negation sind Dohrns wahrscheinlich stellvertretend gewesen für jenes vergangene deutsche Bürgertum. Sie waren Unpolitische, Heinrich Dohrn, Sachwalter des Vermögens, Stadtrat in Stettin, zeitweilig Landtags- und auch Reichstagsabgeordneter der Nationalliberalen, galt in der Familie als Außenseiter, und auch seine Politik war ihm bloß Nebensphäre. Daß man musikalisch zu sein hatte in dieser Familie, in einem durchaus professionellen Sinne, verstand sich. Literarisch interessiert jedoch brauchte man nicht zu sein. Zwischen Carl Augusts Goethe-Verehrung und späteren Breslauer Beziehungen zu Gerhart Hauptmann verzeichnet der Chronist kaum Literarisches. Musisches durchaus: Wolf Dohrn, ein Sohn Antons aus Neapel, begründete die vor allem in den zwanziger Jahren berühmte Bildungsanstalt Hellerau bei Dresden. Er wurde auch als erster Geschäftsführer des 1907 gegründeten Deutschen Werkbundes berufen.

Trotzdem stellt Klaus Dohrn als Chronist nüchtern fest, Wolf Dohrns Programm sei politisch buntscheckig, also insgeheim unpolitisch gewesen. Auch die Entfremdung zwischen dem wilhelminischen Bürgertum und den zeitgenössischen Tendenzen der Kunst wird konstatiert: "Die wilhelminische Gesellschaft hat wenig oder nichts von Hofmannsthal, nichts von Musil, Klee und anderen gewußt."

Abermals die "machtgeschützte Innerlichkeit", um es mit der Formel Thomas Manns zu fassen. Man kann sich auf Bildung und Besitz berufen. Die Macht üben andere aus. Man prosperiert unter deren Schutz, kann allen eigenen Interessen nachgehen: soweit sie nicht die Macht stören, und soweit sie nicht die bürgerlichen Grenzen überschreiten.

Expressionisten waren sie nicht, auch nicht Neinsager, die Dohrns. Ein Freund der Familie hat, als Biograph des Anton Dohrn von Neapel, bereits 1940 eine erste Geschichte dieser ungewöhnlichen Familie verfaßt: Theodor Heuss. Allein auch er ist wohl Gestalt einer bürgerlichen Endzeit gewesen.