Geier Sturzflugs Dilemma zwischen Gesinnung und Geschäft

Von Klaus Pokatzky

Fast wäre mein Freund Thomas, der alte Kumpel aus gemeinsamen Schülertagen, ein Star geworden. Von Münster bis Göppingen würden ihm dann heute die Groupies auflauern, im Fernsehen dürfte er auftreten, und seine Mutter würde in Bochum-Weitmar vom Bäcker um die Ecke nach Autogrammen ihres Ältesten gefragt werden. Doch Thomas ist weggegangen aus Bochum und von seiner Band – zu früh oder gerade noch rechtzeitig, wie man will, hat er das E-Piano geschmissen und ist nach Berlin gezogen, um da, fleißig und solide, Medizin zu studieren.

Die anderen, die vor drei Jahren ohne ihn weitergespielt haben, sind mittlerweile zu Stars geworden; sie fliehen von Hamburg bis München vor den Groupies, und wenn sie gerade wieder im Fernsehen waren, werden ihre Eltern im heimischen Ruhrgebiet vom Gemüsehändler und vom Fleischer um Autogrammkarten ihrer prominenten Söhne angegangen. "Schotter blau gebündelt" hießen sie noch, als Thomas bei ihnen für anderthalb Jahre einstieg. Das war nicht nur ein Ruhrpott-Ausdruck für ein Häuflein Hundertmark-Scheine, sondern umschrieb auch das finanzielle Ziel.

Kurz darauf tauften sie sich in "Geier Sturzflug" um. Da waren sie noch eine unter tausenden namenloser Musikgruppen und traten in Jugendzentren und bei Studentenfesten auf – für ein paar Mark Handgeld und immer mit der kleinen Hoffnung, eines Tages groß rauszukommen.

Als sich die ersten Erfolge abzeichneten, als die Band in einem halben Jahr 50 Auftritte verbuchen konnte und sich die Jungs entscheiden mußten, ob sie das zu ihrem Beruf machen wollten – da seilte sich Thomas ab. Heute spielt er in Berlin zu Hause Klavier. Mozart. Beethoven. Schubert. Natürlich kannte er noch das Liedchen vom "Bruttosozialprodukt", zu dessen Steigerung man jetzt wieder in die Hände spuckt. Das hatte Friedel ja schon 1972 geschrieben, als er noch Straßenmusiker war; "Klaus der Geiger" aus Köln hatte es übernommen und die "Drei Tornados" – und Friedel hatte es 1977 auch auf Platte herausgebracht. Auflage: 1000 Stück. Daß es seit März dieses Jahres auf allen Kanälen des Radios zu hören ist, hätte sich Thomas nicht träumen lassen: Der erste Hit von Geier Sturzflug – mit dem Platten-Konzern Ariola, der sie nicht zuletzt dieses im Zeichen der Wende erfolgversprechenden Titels wegen unter seine Fittiche genommen hatte.

"Parteitags-Song der CDU"

In den folgenden Wahlkampf-Wochen durfte das Stück dann erst mal nicht im Radio gespielt werden, weil die öffentlich-rechtlichen Musikveranstalter Angst hatten, daß ihnen parteipolitische Stimmungsmache vorgeworfen werden könnte. Am Tag nach der Kohl-Wahl bekam Geier Sturzflug den ersten Fernsehauftritt – und für nahezu jeden, der nun über den Ersten der Verkaufshitparade schrieb (mittlerweile sind 600 000 Platten verkauft worden) war die Sache klar: "Zynische Ballade vom deutschen Arbeitsethos" (Vorwärts), "das neue Evangelium" (Bunte), "Mailied, das die Gewerkschafter lieber nicht mehr mitsummen" (Die Welt), "Parteitags-Song der CDU" (Quick).

Wie Friedel Geratsch überhaupt dazu kam, den Song vor elf Jahren zu schreiben, erfuhren die Leser nicht. Was sicherlich nicht nur mit der Recherchierunlust von Journalisten zusammenhängt, sondern auch mit der Vernebelungstaktik eines großen Schallplattenkonzerns, der Typen mit radikalen Ansichten lieber zu pflegeleichten Halbidioten eindampft. "War plötzlich mit dabei, und die Band fragt sich bis heute, wer dieser Typ hinter der Gitarre eigentlich ist", beschreibt die Firma Ariola in ihrer Presseinformation den Texter von Geier Sturzflug: "Der Volkszähler, der ihn hätte finden sollen, hätte schon Jerry Cotton heißen müssen. Gegenwärtiger Aufenthaltsort: wie immer unbekannt."

Friedel ist in Essen aufgewachsen, nach der Volksschule, mit 14 Jahren, hat er eine Lehre als Kaufmann im Elektrogroßhandel begonnen und da zehn Jahre gearbeitet. Mit knapp 24 wurde er arbeitslos, weil er mit chronischer Kiefernhöhlenvereiterung zu oft krank war.

Bei der Arbeitslosenselbsthilfe hat er dann mitgewirkt, mit einem Dutzend anderer Umzüge gemacht, tapeziert, Sperrmüll abgefahren und auf dem Flohmarkt verkauft. Vor etwa zehn Jahren fing er mit der Straßenmusik an, und seitdem versucht er, davon zu leben – anfangs mehr schlecht; heute ganz gut und recht.

Das Lied vom Bruttosozialprodukt konnte er schreiben, weil er seine zehn Jahre im Elektrohandel gearbeitet hat. In der Firma mit ihren 30 Angestellten hat er die sechs bergbaugeschädigten Rentner erlebt, die zwar eine dicke Rente bekamen, es aber trotzdem nicht lassen konnten, zu arbeiten und auf einem kleinen Posten im Lager oder im Magazin irgendetwas zu verwalten. Verantwortungsvoll. Pflichtbewußt.

Jeder durfte da das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein, in dieser kleinen, schönen Arbeitswelt. Jeder kriegte seinen Posten zugeschoben, der noch so unwichtig sein mochte, ihm aber das Gefühl gab, für eine Sache der Boß zu sein. Und wenn er so etwas war wie der Herrscher über die Reparaturen und das Großgerätelager: Scheine durfte man immerhin ausfüllen, Pakete machen und Verantwortung dafür tragen, daß die auch ordnungsgemäß zur Post kamen. Eine Aufgabe. Gewerkschaftlich organisiert war fast keiner. Wieviel er verdiente, erzählte niemand: der andere hätte ja vielleicht weniger bekommen – oder mehr.

Da war Friedel rasch als Linker verschrien, wenn er sagte: "Du arbeites nur zum Wochenende hin, und wenn de genügend Wochenenden zusammenhas, weiße: jetzt noch 195 Tage und dann hasse drei Wochen Urlaub. Und dafür lebse. Und wenn de genügend Urlaub hinter dir has, dann kann’se dir überlegen, ob es sich schon lohnt auszurechnen, wieviel Jahre es noch dauert, bisse deine Rente kriegs. Da brauchse ne ganze Zeit, um zu erkennen, daß die Scheinsicherheit, die dir da geboten wird, für’n Arsch ist, verstehse? Morgen schmeißen se dich raus, und dann stehse auf der Straße, und dann sieht alles ganz anders aus."

Friedel, der sich damals selbst zum Arbeitsroboter zu entwickeln begann und auch zur Arbeit ging, wenn er wegen seiner Kiefernhöhlenvereiterung noch krankgeschrieben war, redet heute immer noch so, in derselben Sprache, im selben Tonfall. Und er singt: "Wenn früh am Morgen die Werksirene dröhnt / und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt, / in der Montagehalle die Neonsonne strahlt / und der Gabelstapelführer mit der Stapelgabel prahlt, / ja, dann wird wieder in die Hände gespuckt, / wir steigern das Bruttosozialprudokt. / Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt."

Das wird dann das Lied zur Wende in Bonn. "So viel Schwung, so viel Optimismus", jubelt die CDU-Welt. Ironie hat es schwer in Deutschland. Und eine Band, von der sich einige Mitglieder auch nach dem großen Erfolg noch als überzeugte, radikale Linke sehen, sowieso.

Ihre Solidaritätsauftritte in linken Kulturzentren, bei Nicaragua- oder Salvador-Abenden haben sie schon noch: Wenn es zeitlich hinkommt, also in den Tourneeplan paßt, der Geier Sturzflug fast das ganze Jahr auf Trab hält. Und wenn sie von den Linken, Grünen, Alternativen, Friedensbewegten nach "Bruttosozialprodukt", wie das Stichwort für ihre ganz persönliche Wende lautet, überhaupt noch akzeptiert werden. Denn die linke Veranstaltersöffentlichkeit hat der Hit "total verwirrt", sagt Bassist und Sänger Werner Borowski: "Es gibt Leute, bei denen bist du unten durch deshalb. Und manche entwickeln da regelrechten Haß und Neid, wenn aus so einer Gruppe auf einmal etwas wird."

Friedel wundert sich über die Leute, für die "Bruttosozialprodukt" seine Aussage allein dadurch verändert hat, weil es ein Hit geworden ist – "die halten das für nen andern Song, plötzlich". Freunde, nein, die haben sie dadurch nicht verloren. Werner: "Aber Bekannte, von denen man sich vielleicht ein freundschaftliches Verhältnis irgendwann hätte erwarten können."

Als Ersatz werden sie dafür von Kreisen hofiert und eingeladen, "die uns vorher nicht mit dem Arsch angeguckt hätten". Von rechten Studentenvertretungen zum Beispiel, die auch mal in die Hände spucken wollen.

Mit ihrem zweiten Hit "Besuchen Sie Europa, solange es noch steht" (Auflage: 200 000) versuchen sie seit einigen Monaten ihren musikalischen Beitrag zur Friedensbewegung. Der sarkastische Song wurde zwar häufig ebenso mißdeutet wie "Bruttosozialprodukt". "Das wird im Radio manchmal ‚zur Belebung des Fremdenverkehrs‘ anmoderiert", erzählt Klaus Fiehe, der Tenorsaxophonist. Trotzdem hofft er darauf, "mit Europa wieder in so ne bestimmte Szene zu kommen".

Alles außer Kontrolle

Beide Lieder landeten auf Platz eins der ZDF-"Hitparade": Moderator und CDU-Wahlkämpfer Dieter Thomas Heck brachte "Europa" in seiner Sendung ohne die übliche Ansage – vorher hatte er vergeblich beim ZDF-Unterhaltungschef angefragt, ob man den Titel nicht ganz aus dem Programm nehmen könne. "Vor dem Kölner Dom steigt ein Atompilz in die Luft / und der Himmel ist erfüllt von Neutronenwaffelduft. / Wenn in Paris der Eiffelturm sich westwärts neigt / und in der Nähe von Big Ben sich zartes Salvenglühen zeigt, / dann ist alles längst zu spät, / dann ist, wenn schon nichts mehr geht, / besuchen Sie Europa, / solange es noch steht."

Zwar geht bei den "Hitparaden"-Auftritten die Gage für Flüge und Hotel drauf, aber in der Woche nach der Sendung werden zwischen 50 000 und 80 000 Platten mehr verkauft als üblich. Und da sagt man natürlich nicht nein, was immer man von Kohl-Freund Heck auch halten mag.

Von einem Düsseldorfer SPD-Minister ihre erste Goldene Schallplatte auf einer Bochumer Müllkippe überreicht zu bekommen, ging ihnen aber doch zu weit.

Wer beinahe jeden Tag unterwegs ist, gestern Jugendabend der Kreissparkasse Göppingen, heute im ZDF-Kinderprogramm in München, morgen in einer Disco bei Regensburg – der hat seine Schwierigkeiten zu kontrollieren, welches Bild Plattenfirma und Presse so verbreiten. "Der Apparat ist uns entglitten", sagt Klaus, der Wirtschaft, Publizistik und Germanistik studiert hat. "Wir hatten ihn noch nie in der Hand", sagt Werner, den Ariola in ihren Presseinformationen so charakterisiert: "Stets bereit, sich warm anzuziehen, weil er die kommenden kalten Zeiten fürchtet ... Pflegeleicht und anspruchslos, was besonders in seinem neonaiven Baßgezupfe zum Ausdruck kommt".

Nur ja kein Wort von seiner Vergangenheit als Schlossersohn in Gladbeck, dessen Mutter jeden Morgen Zeitungen austrug, damit die Familie ihre Miete zusammenkriegte. Kein Wort von der Mittleren Reife, dem nachgeholten Abitur, dem Diplom in Sozialwissenschaften. Und schon gar kein Wort von seinem "leicht anarchistischen Gedankengut" und den Aktionen, mit denen vier Semester lang verhindert wurde, daß an der Uni Bochum in Sozialwissenschaften Statistik-Arbeiten geschrieben wurden – bis die Polizei eingriff und mit Knüppeleinsatz weitere Klausur-"Sprengungen" unterband. Und natürlich kein Wort vom "Rub-Pub", einer Kneipe, in der Werner Bier für 50 Pfennig ausschenkte, Thomas kennenlernte, den Tastenspieler Deff, den Drummer Uwe und Friedel, den arbeitslosen Großhandelskaufmann. Manchmal wurden Gewinne erwirtschaftet, die an politische Buchläden gingen oder die "Aufklärungskampagne über die Stammheim-Morde damals" (Werner).

Natürlich: daß sie sich heute so verkaufen lassen, ist ihre eigene Schuld. Wieviel Geld jedem von ihnen bleibt, nachdem der Manager seinen Anteil kassiert, die Roadies ihren Lohn gekriegt haben und alle anderen Kosten abgezogen sind, wollen sie nicht veröffentlicht sehen. Es ist jedenfalls weniger als jener Illustrierten-Reporter verdient, der nun über den plötzlichen "Reichtum" der "Arme-Jungen-Band aus dem Ruhrgebiet" die Fassung verliert.

Aber sie verdienen mit ihren Platten-Tantiemen und Tourneegagen natürlich bedeutend mehr als das Gros ihrer Hörer und Fans. In der "Super Disco Starlight" in Lanqquaid, einem Kaff bei Regensburg, kriegen sie einen Tausender pro Mann. Elf Mark kostet der Eintritt, vier Mark davon gelten als Verzehr-Guthaben. Statt der vom Besitzer erwarteten tausend Besucher sind 170 gekommen: das macht ein Minus von fast 10 000 Mark. Nur Discos auf dem Lande leisten sich so etwas, sagen die Geier-Leute; viele davon seien überdies, so trösten sie sich, reine Abschreibungsunternehmen, die es sich einiges kosten lassen, hinter dem Tresen eingerahmt die Autogramm-Photos aller hier schon aufgetretenen "Hitparaden"-Stars hängen zu haben.

"Bist Du Friedel?" fragt mich der Türsteher, diesen lauernden Autogrammwunsch im Blick. Gottseidank nicht. Denn Friedel macht einen genauso geschafften Eindruck wie alle anderen der Band – kein Wunder bei 25 Live-Auftritten im Monat und einem Leben, das sich zwischen dem Tourneebus und diversen Gasthöfen "Zur Post" abspielt. Vorgestern, als Geier Sturzflug im "Erholungszentrum Klosterpark Adelberg" zu Nutz und Frommen der Kreissparkasse Göppingen auftrat, war das Publikum zwar lebhafter als in dieser ländlichen Disco – aber vor einigen außer Rand und Band geratenen Zwölfjährigen zu kapitalistischen Werbezwecken aufzuspielen, hinterläßt doch einen Kater beim linken Musiker.

Friedel spart sein Geld. Abgesehen von einem Vier-Spur-Tonbandgerät hat er sich noch keine größere Anschaffung geleistet. Ein Jahr höchstens will er den Streß noch mitmachen und bis dahin soviel Geld gespart haben, daß er zwei Jahre überhaupt nicht arbeiten muß.

Bis dahin genießt er die paar Vorteile der Prominenz: daß man bei einer Polizeikontrolle nichts zu befürchten hat und beim Arzt nicht mehr zu warten braucht zum Beispiel. Die stolzen Eltern in Bochum und Umgebung haben sich derweil fast alle Video-Recorder angeschafft, um sämtliche Fernseh-Auftritte ihrer Söhne aufzuzeichnen.

Mein Freund Thomas in Berlin hat nach und nach seine Instrumente verkauft, nur das Klavier hat er behalten. Vom Erlös hat er sich ein Motorrad angeschafft. Damit fährt er ins Krankenhaus, wo er sein Praktisches Jahr absolviert. Nächstes Jahr wird er seinen Dr. med. in der Tasche haben und auch seine Eltern mit Stolz erfüllen. In zehn Jahren könnte er dann soviel verdienen, daß sich die Jungs von seiner ehemaligen Band schon reichlich abstrampeln müssen, um da mitzuhalten – wenn es sie dann noch gibt.

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