Von Dirk Sager

Wenn Moskauer einen Fremden kennenlernen, versuchen sie, seine Adresse zu erfahren. Die Adresse, so meinen die Moskauer, sagt nicht nur etwas über das Ausmaß des Komforts oder der Armseligkeit, das den Betreffenden umgibt, sie sagt auch etwas über die Person – eine der Antworten auf die Frage, ob man ihr vertrauen soll oder nicht.

Jan Vogeler wohnt seit einem Jahr in der Nähe der U-Bahn-Station Aeroporto. Das ist eine Gegend, in der sich viele Schriftsteller angesiedelt haben, weil ihr Verband dort über Häuser verfügt. Lew Kopelew hat hier gewohnt, als er noch in Moskau lebte. Aber viele in jenem Quartier würden den Gedanken, weit von sich weisen, Kopelew gekannt zu haben oder gar mit ihm befreundet gewesen zu sein. Eine verschworene Kolonie ist das nicht.

Im siebten Stock eines Backstein-Hochhauses hat Jan Vogeler eine für Moskauer Verhältnisse größzügige Wohnung, weil Wissenschaftlern oder Schriftstellern, wenn sie in Gunst stehen, zusätzlich zur Wohnfläche ein Arbeitszimmer zugestanden wird. Die Tür des Hauses in der Nebenstraße eines großen Boulevards läßt sich von Besuchern nur öffnen, wenn sie den Zahlencode kennen, der an der Seitenwand in eine schwarze Tastatur einzu-

eben ist. Eine Errungenschaft der neuen Zeit, mit der die Mieter in besseren Häusern dem auch in der Großstadt Moskau gewachsenen Bedürfnis nach Sicherheit gerecht werden können.

Älter ist die Tradition der im Eingang sitzenden Concierge, die – vom Mieter vorgewarnt – in ortsunüblicher Freundlichkeit auf den Ankömmling blickt. Die Wohnungstüren im Haus sind – wie häufig in Moskau – mit Kunstleder gepolstert, was stets den Eindruck erweckt, hinter der Tür sei etwas besonders Wertvolles oder etwas Geheimnisvolles, von dem nichts nach außen dringen solle. Dazu gehört auch, das meist zwei oder drei Schlösser die Türen sichern. Das ist das Moskau des gehobenen Mittelstandes.