West-Berlin

Jour fixe bei Harry Ristock und Kurt Neubauer in Berlin: Die beiden sind Freunde. Im Laufe ihres Lebens waren sie auch schon Feinde. Der eine war links, der andere rechts. Der eine war Bausenator, der andere Innensenator. Aus den Querelen der Berliner SPD sind sie nicht wegzudenken. Dabei war in der letzten Zeit nicht mehr viel von ihnen zu hören. Honett wie sie sind, hatten sie nach der Bruchlandung des Stobbe-Senats freiwillig eine Schamfrist eingelegt und waren in Deckung gegangen.

So überdauerten sie den Hurrikan, den Hans-Jochen Vogel als Drei-Monats-Bürgermeister in Berlin entfesselte. Als er wieder abgewählt war, etablierte sich der Tour fixe von Ristock und Neubauer wie von selber. Sie waren die einzigen, die den alten Kumpanen in der müden ausgepowerten Berliner SPD noch Nestwärme geben konnten, jeder auf seine Weise: "Kutte" Neubauer, indem er in der hintersten Ecke schweigend vorm Bier sitzt, umlagert von Freunden, die ihm ab und zu fest ins Auge blicken. Harry Ristock, indem er wie ein Kugelblitz zwischen seinen Gästen herumrollt und gute Laune verbreitet. Der Glanz, den Richard von Weizsäcker in der Stadt verbreitete, störte sie nicht. Sie konnten gönnen. Vor 1989 hatten sie sich ohnehin keine Chancen für sich und ihre Partei ausgerechnet.

Doch Kutte und Harry denken, und die Weizsäckers dieser Welt lenken. Seit bekannt war, daß Richard von Weizsäcker seine Aufgabe nicht mehr länger in Berlin sieht, wittern die alten Kumpane wieder Morgenluft. Am Freitagabend beim Jour fixe konnten die Gastgeber gar nicht anders, als lauter Silberstreifen am Horizont zu sehen: Kutte Neubauer wie immer schweigend vorm Bier und Harry Ristock unermüdlich erklärend: "Vogel war ein Abschnitt, Weizsäcker war auch ein Abschnitt in der Geschichte der Stadt – und jetzt fängt eben das Banale wieder an." Er sagt es mit einem gewinnenden Lächeln – als wäre es der große Trick, wenn man sich es nur richtig überlegt. Es ist auch einer: Was er banal nennt, ist er selber. Harry Ristock will Regierender Bürgermeister von Berlin werden.

"Ich könnte mich totlachen", sagte ein Sozialde- mokrat, der Hans-Jochen Vogel nahestand, "wenn Harry es schafft, ist das der Treppenwitz der Berlin-Geschichte. Ristock ist weder so unbefleckt wie Vogel, noch so edel wie Weizsäcker. "Er ist nicht mal effizient", meint ein Genosse. Als Bausenator war er eine Katastrophe, das ist noch in guter Erinnerung. Zwar stellte er sich persönlich vor jeden Baum, um ihn zu retten, aber gegen die Willkür, mit der ihn seine eigene Behörde behandelte, war er hilflos.

"Ausgerechnet Harry", das sagten die Berliner Sozialdemokraten schon im Frühjahr, als Ristock seinen Hut in den Ring warf und sich als Spitzenkandidat der SPD gegen Weizsäcker bewarb. Das anfängliche Entsetzen legte sich, als sich niemand besseres fand. Außerdem wurde Ristock auf seinem Zug durch die Gemeinde von der Parteibasis mit Begeisterung begrüßt. "Ich ruhe in dieser Stadt", sagte er ihnen, "ich liebe diese Stadt und ich will, daß diese Stadt weiter Zukunft hat." Das sagte er auch am Freitagabend jedem, der ihm nahekam. "Weizsäcker macht das natürlich viel besser und viel philosophischer als ich. Aber was hat er denn gemacht? Die Berlin-Frage ins nächste Jahrhundert verschoben und sich den Problemen von heute entzogen."

Ausgerechnet Harry: Die PR-Maschine der Partei ist längst angeworfen, gekonnt bedient von Wilhelm Wiegreffe, dem Sprecher der Berliner SPD: "Harry verkörpert für die Partei doch auch viele positive Traditionen. Er war für die Ostpolitik und hat gegen Vietnam demonstriert." Damals hätte ihn die Partei fast gekillt, sein Freund Kutte Neubauer vorneweg. Aber heute macht sich das gut in seinem Lebenslauf. Dafür fehlen ihm noch die internationalen Kontakte, die sich für einen Regierenden Bürgermeister von Berlin von selber verstehen.