Von Barbara Ungeheuer

Im New Yorker Herbst fallen die Feste wie die Mietpreise der Wochenendhäuser am Strand von Long Island. Die Damen der Gesellschaft, paillettenbehangen und golddurchwirkt, führen ihre Eskorten in die Ballsäle der großen Hotels entlang der fünften Avenue. Dort und ganz zuliebe der Wohltätigkeit sägen sie Abend für Abend an den von Brunnenkresse umrahmten Gummiadlern, das Bein zu tausend Dollar.

Wer in New York den guten Zweck im Sinne hat, wird seines Geldes froh, denn hier sind der Wohlfahrt keine Grenzen gesetzt, wird einem die Skala der Möglichkeiten doch fast an jeder Straßenecke vorgeführt.

Die große Gala der Saison gab sich allerdings der vierte Stand und war dabei gänzlich ums eigene Wohlergehen bemüht. Esquire, das literarische Herrenmagazin, feierte sein 50jähriges Bestehen mit dem Aplomb eines Kulturmäzens und der Verwegenheit eines PR-Genies. Selbst ein in der Gesellschaftspflege so versierter Präsident wie John F. Kennedy hätte es nicht leicht gehabt, für eine Nacht lang eine so erlesene Liste aus "Who is Who" in Amerika zusammenzuführen. Dabei hatte sich Esquire nur an die uralte Regel gehalten, daß Prominenz Prominenz anzieht, und daß Kultursnobismus auch von Künstlern als hohe Kunst geschätzt wird.

Für die fast dreipfündige Jubiläumsausgabe (293 Annoncenseiten), die während der Gala wie das Goldene Kalb zum ersten Mal bestaunt werden konnte, hatte die Redaktion ihr eigenes "Who is Who" kreiert, 50 Amerikaner des letzten halben Jahrhunderts ausgesucht, "die" – wie es der Esquire-Titel verkündet – "den Unterschied machten". Jene 50 Weltveränderer ließ das Magazin, für gutes Geld (versteht sich), von Amerikas Literaturelite porträtieren. So schrieben jene, die sich vielleicht selbst schon auf der Liste wähnten, über die Verstorbenen: Saul Bellow über Theodore Roosevelt, John Updike über den Kritiker Edmund Wilson, Arthur Miller über den ersten Fernseh-Reporterstar Ed Murrow und William Styron über John F. Kennedy.

"Schönheit ist eben im Auge des Betrachters", meinte Muhammad Ali, als er sich im Ring der Mit-Auserkorenen umsah, denn immerhin waren unter den 50 Auserwählten noch zwanzig in Fleisch und Blut zu haben und waren alle gekommen: Betty Friedan, Mutter der Feministinnenbewegung im langen Goldlamé, Dr. Benjamin Spöck, Vater der antiautoritären Kindererziehung mit der Vietnamprotestfliege am Kinn, Katherine Hepburn, die auf ihre sonst üblichen Beinkleider verzichtet hatte. Farbdribbler Jackson Pollock sprach mit dem Erfinder der Pille, und Richard Nixon schüttelte die Hand von Norman Mailer, der immer nur Böses über ihn schrieb.

Esquires Jubiläum war freilich als goldene Hochzeit geplant, und so schrieb Mailer nicht über Nixon (ihm dankte Gore Vidal für seine Chinapolitik), sondern über Jackie Onassis, auch sie eine Gefangene ihrer Berühmtheit, wenn auch anderer Art.