Von Andreas Kohlschütter

Der rote Teppich wird in Athen ausgerollt, Kein Zweifel: Andreas Papandreou, Ministerpräsident und Führer der seit Oktober 1981 regierenden linksradikalen "Panhellenischen Sozialistischen Bewegung" (Pasok), will der Athener Europa-Premiere Glanz und Gloria verleihen. Im Stadtzentrum wurde das vor hundert Jahren für nationale Ausstellungen erbaute Zappeion-Palais mit seinem eleganten neoklassizistischen Portifür und Säulenhof inwendig in eine hochmoderne Kongreßstätte umfunktioniert. Papandreou erklärt, das Treffen der EG-Regierungshäupter sei "von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Gemeinschaft". Er unterschreibt – als ehemals eingefleischter EG-Gegner – seine "historische Verantwortung" für das Gelingen des ehemals schen Gipfelwerks.

Wenn auch "Europa zu den Griechen kommt", wie es in den Zeitungen heißt, so symbolisiert die Athener Gipfelkonferenz indes auch die späte Ankunft des widerspenstigen Papandreou in Europa. Das Zappeion ist für solche Annäherungen ein Ort mit Tradition. Am 29. Januar 1917 paradierten griechische Königstruppen im Zappeion-Garten und grüßten demonstrativ die Flaggen der westlichen Alliierten. Mit dieser Zeremonie leistete Griechenland offiziell Wiedergutmachung für Attacken, denen britische und französische Einheiten zwei Monate zuvor beim Marsch durch Athen ausgesetzt gewesen waren.

Aus dem früheren Nein der Pasok-Sozialisten Papandreous zur europäischen Integration wurde im Verlauf des Jahres 1983 ein deutliches Ja. Dem einst angekündigten EG-Referendum muß der konservative Staatspräsident Karamanlis zustimmen, aber der weigert sich: "Der EG-Beitritt ist mein Lebenswerk, das ich mir von niemandem kaputtmachen lasse." Auch die einst geforderte "Neuverhandlung der Beitrittsbedingungen" wurde fallengelassen; in dem nach Brüssel geschickten Memorandum vom März 1982 wird lediglich die Berücksichtigung ökonomischer und geographischer Besonderheiten Griechenlands verlangt.

Papandreou läßt keinen Zweifel mehr daran, daß sich Griechenland als Teil der EG versteht. Daraus erwachsende Schwierigkeiten können nicht durch einen Sonderstatus, sondern nur gestützt auf den Beitrittsvertrag gelöst werden. Der früher durch das "Europa der Monopole" wetternde Regierungschef spricht neuerdings vom "Europa der Völker". Und entgegen weitverbreiteter Befürchtungen mißbrauchte Athen seine sechsmonatige EG-Präsidentschaft nicht dazu, wirtschaftliche Partikularinteressen zu Lasten europäischer Ge-EG-Präsidentschaft zu forcieren.

Dennoch wird Athen eine ganze Weile der wohl schwierigste Partner bleiben. Griechenlands Handelsdefizite gegenüber der EG erhöhten sich drastisch, aus dem einstigen Landwirtschafts-Exportplus wurde ein riesiges Minus, die protektionistische Versuchung nahm folglich nicht ab. Was Hellas an europäischen Überweisungen bislang einnahm, wurde von kostspieligen Importüberschüssen aus dem EG-Raum wieder aufgefressen. Von den über 600 Brüsseler Europadirektiven übernahm das verschreckt auf Zeit spielende Griechenland bisher nur knapp drei Dutzend. Durch indirekte Steuern werden europäische Zollverbote umgangen, Importe diskriminatorisch verteuert: "Wie sonst sollten wir unseren Ouzo vor der ausländischen Scotch-Whisky-Schwemme schützen?"

Ursprünglich plante Papandreou, das nach dem Nato-Oberbefehlshaber benannte "Rogers Abkommen" im griechischen Parlament erneut behandeln und widerrufen zu lassen. Damit wäre Griechenland wieder einmal aus der integrierten Militärstruktur der Allianz ausgeschieden, in die es unter der konservativen Regierung im Oktober 1980 über die Brücke des Rogers-Kompromisses zurückgekehrt war. Diesen Prozeß brachte Papandreou jedoch nie in Gang, obwohl er ihn mit seiner Pasok-Mehrheit mühelos hätte durchziehen können.