Auch im Nato-Bereich ist der Sinneswandel des griechischen Saulus-Paulus-Andreas auffallend, Von der Nato als Feindorganisation "des westlichen und amerikanischen Imperialismus" ist keine Rede mehr. Im Wahlkampf 1982 und danach forderte Papandreou für Griechenland noch ultimativ eine Schutzgarantie der Ostgrenzen gegen "türkisehen Expansionismus". Andernfalls "ist die Nato-Mitgliedschaft für uns nicht akzeptabel". Im Sommer 1982 wurde dieses absurde Garantiebegehren aus der griechischen Nato-Wunschliste gestrichen. Dann kam der Schwenk. Im Dezember – nach der Brüsseler Nato-Tagung – gab sich Papandreou "optimistischer als je zuvor" gestimmt: "Unser nationales Recht ist von den Bündnispartnern verstanden worden, unsere Ansichten werden ernstgenommen. Griechenlands Positionen werden als die eines souveränen Staates anerkannt."

Papandreous Realitätssinn gab den Ausschlag für die Reparatur des einst dogmatisch belasteten und gebrochenen Verhältnisses zur Nato. Der äußerst geschickt lavierende Griechenpremier nahm die Möglichkeiten einer Sonderstellung innerhalb des formal intakten Bündnisrahmens wahr, die ihm jene unschlüssige Rogers-Formel bot. Denn die entscheidende Frage der griechisch-türkischen Abgrenzung von Luftraumkontrolle und Marinekommandostruktur in der Ägäis wurde offengelassen.

Der resultierende Schwebezustand paßt Papandreou ganz gut in den Kram. Athen hält sich die Hände frei, entscheidet von Fall zu Fall, nimmt an Nato-Manövern teil oder auch nichts wenn die se "nicht in die griechische Verteidigungspolitik passen". Papandreou rüttelt am Nato-Gebäude, verlassen will er es aber trotzdem nicht mehr.

Das nach zähen, neun Monate dauernden Verhandlungen Anfang November endlich ratifizierte Abkommen über die US-Militärstützpunkte in Griechenland war die schwierigste Klippe, die Papandreou zu umfahren hatte. Das Verhältnis zu Amerika ist historisch schwer belastet. Nicht nur die Linke, das gesamte politische Meinungsspektrum wird dadurch geprägt. Die Zeiten des amerikanischen "Kalten-Kriegs-Protektorats" in den fünfziger Jahren sind unvergessen. Damals konnte Vater Georges Papandreou in seiner Eigenschaft als Minister für Wirtschaftskoordination nichts ohne Zustimmung des US-Botschafters Eigenschaft

Das Stützpunkt-Abkommen ist für Griechenland günstig. Athen kann bei "nationalem Notstand" die Tätigkeit der Basen einseitig beenden und deren Benützung den Amerikanern für Einsätze in Nahost- und Golfkrisen untersagen – wie dies jüngst in Sachen Nachschub für die Marines in Beirut geschah. Washington gewährt für 1984 einen "militärischen" Kredit von 500 Millionen Dollar und läßt sich dabei von dem Papandreou heiligen Grundsatz leiten, "das militärische Kräftegleichgewicht in der Region" zu erhalten. Freilich muß Papandreou auf seinen linken Pasok-Flügel und die moskauhörigen Kommunisten Rücksieht nehmen. Er insistiert deswegen, der Pakt sei auf Schließung, nicht auf Verbleib der Stützpunkte angelegt, und verspricht schon heute, das Abkommen ganz bestimmt zum frühestmöglichen Zeitpunkt kündigen zu wollen, also Ende 1988.

Wer weiß jedoch, ob Papandreou dann noch bestimmt. Jedenfalls ist wegen langer Kündigungsfristen die amerikanische Militärpräsenz in Hellas bis 1990 gesichert, die Möglichkeit einer stillen Vertragsverlängerung vorgesehen.

Dies gilt es zu bedenken, wenn der griechische Regierungschef im irritierten Westen als abenteuerlicher Seiltänzer, unbequemer Einzelkämpfer, skrupelloser Opportunist und Störenfried disqualifiziert wird. Sicher treibt er keine Politik, ohne immer auch einen Schuß Demagogie beizumengen. Bestimmt teilt er in der politischen Arena den Spaß aller Griechen an Theater und Drama. Doch dieser Mann beschäftigt sich auch ernsthaft mit griechischem und europäischem Schicksal, mit dem noch möglichen Bewegungsraum und der Identitätssuche des alten Kontinents zwischen den Machtblöcken.