Ein Hund – ein Tag

Niemand kann behaupten, die Verleger, vor allem die Autoren, und nun gar die von Kinderbüchern, trauten sich nichts. Im Gegenteil: man staunt über den Dilettantismus in Wort und Bild, staunt über die Chuzpe nicht begabter Schreiber und Zeichner, die Sinnloses, oft auch tendenziell nicht zu verantwortendes oder auch "nur" ästhetisch Verbildendes im wahren Sinne des Wortes anbieten. Alles, alles wird gedruckt: miserable, mittelmäßige, gute, vorzügliche, geniale Texte und Graphik. Das Mäßige wird oft teuer aufgeputzt, Vorzügliches in bescheidenem Rahmen gezeigt. Selten kommt der Leser in den Genuß, ein gemeinsames Wagnis von Verlag und Autor vollen Herzens zu begrüßen. Für den folgenden Skizzenband gilt dies –

Monique Martin: "Hundeleben"; Verlag Sauerländer, Aarau, Frankfurt; 55 S., 24,80 DM.

Das Buch enthält keinen Text außer dem Titel, und der – um damit anzufangen, was mir einzig mißfällt – ist schlecht übersetzt. "Un jour – un chien" entspricht im lakonischen Ausdruck exakt dem Inhalt, hat nichts von dem salopp witzelnden Beisinn des viel gebrauchten Wortes "Hundeleben".

Eine unerträglich tägliche Geschichte wird in skizzenhaften Blättern erzählt, die von der Machart wie vom erzählerischen Duktus her zunächst verblüfft, dann fasziniert. Mit kühnem, manchmal wildem Strich wird gezeigt, wie Menschen sich eines ihnen auf Gedern und Verderb ausgelieferten Lebewesens entledigen: sie werfen ihren Hund aus dem fahrenden Auto. So wie das jährlich Tausende von Malen bei uns im Land praktiziert wird.

Der Hund überlebt das unverletzt, und wir sind durch den Anblick der mit dickem Strich wie wütend hingefetzten Skizzen, die nun folgen, erschrocken, betroffen, erschüttert und – jawohl – stellenweise auch belustigt.

Bis zur Erschöpfung läuft der Hund zunächst über zwölf von dreiundfünfzig Blättern hinter seinen Mördern und ihrem Mordvehikel Auto her; unfähig, den Menschen, denen er sich zugehörig fühlt, ein solches Verbrechen zuzutrauen. Im folgenden ist erstaunlich, wie die Zeichnerin durch diese Hundegestalt – oft auf fast leere Blätter komponiert – durch Proportionen und Strich ambivalente Gefühle herstellt: den Eindruck von Verlassenheit, Trauer, Hilflosigkeit, Resignation und schließlich den Schimmer einer vagen Hoffnung auf einen neuen Anfang, einen neuen Menschen, auf den diese von uns benutzten, verachteten, geliebten und weggeworfenen Kreaturen, die Hunde, angewiesen sind.

Bleibt nachzutragen, was denn an dieser ganz und gar unkomischen Geschichte belustigt. Nun: die Tatsache, daß der Hund in Panik die Straße überquerend, zwei Autos karambolieren läßt. Zwei dieser Dinger also, mit deren Hilfe man ihn umbringen wollte. Da steht er einen Moment ratlos neben dem von ihm unwissentlich verursachten Tohuwabohu und staunt: ahnungslos, aber mit anerzogenem schlechten Gewissen – Patachon mit Schlappohren.

Ein Hund – ein Tag

Die Bild-Sequenzen haben den Charme des raffiniert Unfertigen. Ein so anständiges Buch ist selten so originell. Eine große Käuferschar sollte die Autorin und den Verlag dazu beglückwünschen, daß sie Courage zu diesem Buch hatten.

Gert Haucke