Von Rudolf Herlt

Die Bankiers schauten etwas betreten drein, als Karl Schiller, der ehemalige Bundeswirtschafts- und Finanzminister, zu bedenken gab, ob nicht ein Schuldenabkommen mit partiellem Schuldenerlaß der gebotene Ausweg aus der internationalen Schuldenkrise sei. Der Rest des Auditoriums, das die Westdeutsche Landesbank eingeladen hatte, fand das gar nicht so abwegig. Schiller hatte diesen Vorschlag mit aller Vorsicht gemacht. Er wolle kein vorschnelles Urteil fällen, sagte er, aber ihm scheine ein Vergleich immer noch besser zu sein als ein Konkurs.

Das ist die Sprache, die die Bankiers normalerweise verstehen. Aber in diesem Fall konnten sie solchen allgemeinen Wahrheiten nicht die rechte Freude abgewinnen. Denn sie halten ja noch immer die These aufrecht, daß sie weder auf einen Vergleich noch auf einen Konkurs einzugehen bereit sind – sie wollen ihr Geld zurückhaben. Jedenfalls ist das die Linie, die sie öffentlich vertreten.

Insgeheim werden sie natürlich längst von Zweifeln geplagt, ob der Schuldenberg, den sie nach den Ölpreisschocks in den Ländern der Dritten Welt aufgebaut haben (siehe die erste Tabelle), wirklich wieder auf ein erträgliches Maß abgebaut werden kann. Sie fanden es jedoch wenig hilfreich, daß ein erfahrener und nachdenklicher Mann wie Schiller in öffentlicher Rede mit dem Gedanken eines Schuldenabkommens spielte und den Banken obendrein einen "partiellen Schuldenerlaß" zumutete.

Schiller meinte, eine solche Option verlange Realitätssinn, Opferbereitschaft und internationale Führerschaft – eine Rolle, die nicht den Europäern, sondern den Vereinigten Staaten zukomme. Schillers Grundgedanke: Bevor man zulasse, daß Schuldnerländer mit allen schlimmen Folgen für das internationale Bankensystem zusammenbrechen, sei es doch allemal klüger, zur Entschärfung der Krise auch einen Teilverzicht ins Auge zu fassen.

Wie groß die Gefahr einer Kettenreaktion ist, die bei der Zahlungsunfähigkeit großer Schuldnerländer ihren Anfang nimmt und über Bankenzusammenbrüche zum wirtschaftlichen Chaos führt, illustrierte Schiller mit dem Satz: "Die Summe der Schulden, die manche Banken an hochverschuldete Entwicklungsländer gegeben haben, übersteigt in vielen Fällen das Eigenkapital dieser Banken."

Die zweite Tabelle zeigt, wie wohlfundiert diese Aussage ist. Viele amerikanische Banken haben weit mehr als ihr Eigenkapital an einige hochverschuldete Länder ausgeliehen. Amerikanische Banken sind allerdings die einzigen unter den Gläubigerbanken der westlichen Welt, die die Summe ihrer Forderungen an ein Land öffentlich mitteilen müssen. In der Bundesrepublik ziehen sich, die Banken auf die Erklärung zurück, es sei ein schlechter Stil, die Höhe der Schulden eines Kreditnehmers öffentlich zu nennen. Sie geben ihre Länder-Engagements zwar der Bankenaufsicht und der Bundesbank bekannt; sonst werden die Zahlen aber hierzulande nur hinter vorgehaltener Hand weitergegeben.