Wo leben wir eigentlich – tatsächlich in einem Polizeistaat, dessen Polizei sich Gestapo-Methoden vorwerfen lassen muß. Und gibt es, auf der anderen Seite, in unserem Lande schon wieder eine Millionenbewegung, die mit Mitteln der Nazi-Agitation und der SA-Trupps unsere Demokratie aus den Angeln heben will und gegen frei gewählte Abgeordnete einen Psychoterror ausübt, der an das Dritte Reich erinnert?

Der Eindruck könnte sich einem bei manchen der Ausrutscher aufdrängen, die sich Volksvertreter verschiedenster Couleur in der großen Raketendebatte der letzten Woche geleistet haben. Der jetzige Bundeskanzler bemühte das Münchner Abkommen von 1938, um deutlich zu machen, daß "militärische Schwäche diplomatische Schwäche" bedeute. Der Grüne Abgeordnete Otto Schily fühlte sich an "Gestapo-Methoden erinnert", als Mitarbeiter seiner Fraktion vorübergehend festgenommen wurden, weil sie in der Bannmeile des Bundestages mit violetten Halstüchern ihren Protest gegen die Nachrüstung demonstrierten. Wolfgang Mischnick von der FDP sah sich durch die "Mahnwachen" der Friedensbewegung vor Abgeordnetenhäusern an die SA-Wachen vor jüdischen Geschäften 1933 erinnert. Den CDU-Parlamentarier Adolf Müller (Remscheid) schreckte bei den Argumenten der Friedensbewegung "die geistige Verwandtschaft mit der Agitation des Nationalsozialismus". Der CDU-Abgeordnete Claus Jäger beschimpfte den ehemaligen General Gert Bastian als "Reichsmarschall" – Bastian, der doch seine "Freunde draußen" aufrief, von Mahnwachen abzusehen. Und der Grünen Rednerin Marieluise Beck-Oberdorf rief Walter Althammer von der CSU zu, sie halte eine "Nazi-Rede".

Dies alles stellt dem Bonner Parlament ein Armutszeugnis aus. Es ist eine Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus, eine verantwortungslose Verharmlosung auch des Dritten Reiches. Die braune Vergangenheit ist unser aller Historie, gleichgültig, wann wir geboren wurden. Sie taugt nicht zur Munitionierung in der politischen Auseinandersetzung. K. P.