Von Rudolf Walter Leonhardt

Wer den Auftrag hat, deutsche Kultur und ein den Wirklichkeiten entsprechendes Deutschlandbild im Ausland zu vermitteln, lebt anfechtbar. Denn was ist "deutsche Kultur"? Auch Franz Kafka, Anna Seghers, Franz Xaver Kroetz? Und was nun gar ist ein den Wirklichkeiten entsprechendes Deutschlandbild? Sieht es so aus, wie es der jüngste Elefant im Porzellanladen, der Vilshofener CSU-Abgeordnete Rose bei einem Ausländer vermutet, "der sich von Deutschland ein Bild heimatverbundener, Trachten tragender Menschen geformt hat"? Gehören solche neudeutschen Phänomene wie die Grünen, die Friedensbewegten, die Alternativen nicht dazu? Stoßen nicht gerade sie bei Ausländern auf gesteigertes Interesse?

Die 114 Goethe-Institute in 66 Ländern haben die ihnen gestellten Aufgaben, nehmt alles nur in allem, seit vielen Jahren mit Anstand und stetig wachsender Kompetenz erfüllt. Sie haben es nicht verdient, daß sie jetzt von bornierten Kulturfunktionären an die Kandare genommen werden.

Arbeitsgrundlage der Goethe-Institute ist ein am 30. Juni 1976 unterzeichneter "Rahmenvertrag" mit dem Auswärtigen Amt, ausgehandelt von dem Staatssekretär Peter Hermes auf der einen, Professor Theodor Eschenburg auf der anderen Seite. Er enthält als Einschränkung der Goethe-Freiheiten ein Veto-Recht des Auswärtigen Amtes gegen politisch bedenkliche Veranstaltungen. Dafür setzte Eschenburg in harten Auseinandersetzungen Bestimmungen wie die folgenden durch: "Das Goethe-Institut führt die Vertragsaufgaben in eigener Verantwortung durch." Und: "Für die Programmgestaltung der Zweigstellen ist der Zweigstellenleiter verantwortlich."

Damit ließ sich arbeiten, solange Sachverstand, Liberalität und guter Wille auf allen Seiten vorherrschten; als die Goethe-Häuser noch geleitet wurden von so respektgebietenden Figuren wie Fritz Steppat, Graf Raczynski, Marschall von Bieberstein und Curt Meyer-Clason; als die Leitung der Münchner Zentrale bei kulturell engagierten Generalsekretären wie Werner Ross und Hans Kahle lag; als ein Dieter Sattler die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes leitete und danach Hildegard Hamm-Brücher als Staatsminister mit schützenden Händen drohende Verwundungen abzuwehren wußte.

Auch damals gab es "Fälle"; zum Beispiel, als Golo Mann in einem Vortrag in Rom die deutschen Grenzen von 1937 eine Utopie nannte. Zweimal wurde von Außenminister Genscher das Veto eingelegt: gegen eine 1976 in London ausgestellte Strauß-Karikatur von Klaus Staeck und gegen eine Tournee des Berliner Alternativ-Theaters "Rote Ruebe". Und 1983 wurde die Vorführung des Verhoeven-Films "Die weiße Rose" in den Goethe-Häusern der Vereinigten Staaten untersagt.

Außenminister Genscher hat es, mit der kleinen FDP und mit den großen Welthändeln belastet, versäumt, seinen wechselnden Herren Kollegen von den wechselnden Koalitionen ein für allemal klarzumachen: Offenheit ist der Sinn der komplizierten Konstruktion des Goethe-Instituts, das als eingetragener Verein völlig frei, aber aus Gründen der Finanzierbarkeit und der staatsbürgerlichen Loyalität durch einen Vertrag an das Auswärtige Amt gebunden ist. Es hat keine Regierungspropaganda zu betreiben, sondern ist durch seine Satzung und seinen auf Grund dieser Satzung geänderten Namen verpflichtet, die deutsche Sprache im Ausland zu pflegen und die internationale kulturelle Zusammenarbeit zu fördern. Wo der Minister kein Machtwort spricht, die Staatssekretäre sich für Kulturpolitik auch nicht sehr interessieren und auf der unteren Ebene beflissene Verwaltungsbeamte agieren, da muß sich ein Mann wie Klaus von Bismarck, da müssen sich aber vor allem die Leiter der Goethe-Häuser im Ausland ziemlich einsam fühlen.